Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



Geruchstester in Gelsenkirchen:
Die Schnüffler vom Umweltamt
(Süddeutsche Zeitung, 15. Mai 2002)

Gleich wird Daniela Heese wieder schnüffeln. Ein kurzer Blick auf die Sekundenanzeige ihrer Uhr, dann hebt sie die Nase ein bisschen an und holt tief Luft. Und das genau alle zehn Sekunden. Schnuppern nach Stoppuhr, das ist der Job der Gelsenkirchener Hausfrau. Als eine von etwa einem Dutzend Probanden des Essener Landesumweltamts stellt sie fest, ob beispielsweise der Geruch einer nahen Eisengießerei die Anwohner belästigt. Dabei setzt die Behörde auf menschliche Nasen, denn elektronische Sensoren sind für diese Aufgabe nicht geeignet, wie Ralf Both vom Landesumweltamt erklärt.

Daniela Heese ist eine solche "Nase" und hat schon einiges für das Landesumweltamt "verrochen", wie es im Probanden-Jargon heißt, etwa eine Ölmühle in der Nähe von Kleve. "Das riecht, wie wenn man eine Tüte Erdnuss- Flips aufmacht, eigentlich ganz lecker", sagt sie. Vermessen wird rund um die Uhr an vom Umweltamt festgelegten Orten. "Manchmal muss ich um sechs Uhr schon auf Tour, manchmal sehr spät abends", erzählt die Gelsenkirchenerin. Wie die anderen Nasen auch steht Daniela Heese dann zehn Minuten lang an so einem Messpunkt, schnüffelt im Zehn-Sekunden-Takt, notiert Uhrzeit, Windrichtung und Windstärke und ordnet die Gerüche in einer Skala von "übel" bis "angenehm" ein. Ab wann Gerüche zur Belästigung werden, klärt das Landesumweltamt, das Obergutachter für die zehn in NRW ansässigen Gutachterbüros ist.

Eine Eisengießerei stinkt beispielsweise wie der Funkenflug von verbranntem Metall, was von den meisten Menschen als unangenehm empfunden wird. Aber riecht eine Keksfabrik wirklich appetitlich oder geht der Duft von frisch Gebackenem den Anwohnern nicht doch mal auf den Keks? Um dies wissenschaftlich beantworten zu können, scheiden technische Messungen aus. "Gerüche werden unterschiedlich empfunden und müssen objektiviert werden", erläutert der promovierte Umweltamt-Biologe Both. Und dies gehe eben nicht ohne eine menschliche Nase. Genauer: ohne die nordrhein-westfälische Durchschnittsnase. Denn Riechorgan ist nicht gleich Riechorgan. So sei ein 50- Jähriger etwa halb so empfindlich wie ein 18-Jähriger. Im Gegensatz zum Alter spiele das Geschlecht keine Rolle, wie der Biologe erklärt. Während einer Schwangerschaft nehme die Riechfähigkeit von Frauen allerdings zu.

Darüber hinaus wird ein Geruchseindruck oft durch die gemeinsame Wirkung vieler Stoffe ausgelöst. "Abluft aus dem Schweinestall hat beispielsweise 500 Komponenten, von denen wir nicht einmal alle kennen", erklärt Both. Manchmal enthalte so ein Aroma-Cocktail sogar Stoffe, die gar keinen Eigengeruch haben und trotzdem entscheidend zum Gesamteindruck beitragen. Andere Stoffe wiederum sind so gering konzentriert, dass sie technisch nicht mehr messbar sind. Liegt eine Substanz sogar unterhalb der Geruchsschwelle, ist sie in der Regel auch "ohne toxikologische Relevanz", sagt Umweltexperte Both. Allerdings gebe es auch Ausnahmen, zum Beispiel Kohlenmonoxid. Dieses giftige Gas riecht nicht. Aber meist schlägt die menschliche Sinneswahrnehmung schon Alarm, weit bevor giftige Konzentrationen erreicht werden – Gerüche sind eher eine Belästigung als eine Gefahr. Und deshalb müssen die NRW-Durchschnittsnasen ran, die nach den Maßgaben des Landesumweltamtes getestet und für geeignet erklärt worden sind. Denn nur, wer so gut – oder so schlecht – riechen kann wie die meisten anderen Nordrhein- Westfalen auch, darf für das Umweltamt schnüffeln gehen. Hoch empfindliche Spürnasen und Geruchsblinde müssen leider draußen bleiben.

Die Durchschnittlichkeit ihrer Nase hat auch Daniela Heese beim Testriechen bewiesen. Seit etwa zwei Jahren macht sie diesen Job und findet es "ganz spannend", wie die Nase auf bestimmte Stoffe reagiert. Ungefähr alle zwölf Monate gibt es eine Nachkontrolle für ihr Riechorgan. Testgerochen wird mit Butanol, einem Lösungsmittel, das die Probanden in verschiedenen Konzentrationen erwittern müssen. "Wir hoffen, dass ein Proband, der Butanol ordentlich verriechen kann, dies auch bei anderen Proben macht", erklärt Ralf Both vom Umweltamt. Um festzustellen, ob Anwohner etwa über eine Keksfabrik zu Recht die Nase rümpfen, wird das Gebiet in Planquadrate eingeteilt und sechs bis zwölf Monate lang verrochen. Von jedem Quadrat gibt es am Ende der Untersuchung mindestens 52 Riechproben. Auf dieser Basis stellt das Umweltamt dann fest, ob eine "erhebliche Geruchsbelästigung" vorliegt oder nicht. Interessant dabei: Abgesehen von Ekel erregenden Düften ist es nicht die Intensität des Geruchs, die als unangenehm empfunden wird, sondern die Häufigkeit und Dauer. In fast der Hälfte aller Fälle werde deshalb die "Dramatik der Situation" überschätzt, wie Both berichtet. "Oft kommt heraus, dass Beschwerden nicht berechtigt sind, weil die Gerüche viel zu selten sind."

Riecht es aber in einem Wohngebiet in mehr als zehn Prozent der Jahresstunden, dann ist die Belästigung laut der vom Landesumweltamt entwickelten Richtlinien "erheblich". Und dann kann auch die Großbäckerei zum Ärgernis werden. Umweltexperte Both formuliert es praxisnah: "Stellen Sie sich vor, eine Familie hat einen deftigen Sauerbraten gemacht und ständig riecht es nach süßen Keksen."
 


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