Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



Fragen-Erfinder Günter Schröder:
Jauchs Millionen-"Mastermind" packt aus
(Netzeitung, 8. September 2005)

Am 3. September 1999 feierte bei RTL eine Quizshow ihre Premiere, die seitdem aus der deutschen TV-Landschaft nicht mehr wegzudenken ist: "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch. Günter Schröder ist der Mann, der erst allein und seit fünf Jahren mit seiner Firma "Mind The Company" die Fragen anliefert – mittlerweile kommt er selbst auf über 13.000 Ratefragen.

Netzeitung: Herr Schröder, was ist ein Automarder?
Schröder: Ein Automarder? Ich glaube, das ist ein Autodieb.

Netzeitung: Das wäre die richtige Antwort gewesen.
Schröder: Wir hatten das schon mal.

Netzeitung: Das ist eine der berühmten Blackout-Fragen, der Kandidat dachte bei "Automarder" an die Tiere, die nachts die Kabel von geparkten Autos anknabbern. Könnte Ihnen so ein Blackout auch passieren?
Schröder: Wir spielen alle Fragen in der Redaktionssitzung durch. Und da kommt es nicht selten vor, dass ich bei der 100-, 200- oder 500-Frage auch mal auf dem Schlauch stehe und – bildlich gesprochen – den Schuss nicht gehört habe. Nur habe ich das Glück, dass mir dies nicht vor mehreren Millionen Zuschauern passiert.

Netzeitung: Was tun Sie, um eine Frage absolut wasserdicht zu machen?
Schröder: Zum einen haben wir die klassischen Lexika in gedruckter Form wie den Brockhaus, den Pschyrembel für die Medizin oder Chroniken wie "100 Jahre Olympische Spiele". Mehr und mehr nimmt auch das Internet eine wichtige Rolle ein, weil die Informationen ganz aktuell sind. Man muss natürlich schauen, wie verlässlich die Quelle ist. Das ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Man muss bei allem immer gucken, was ist der aktuelle Stand der Information. Und ob man einen Sachverhalt überhaupt in den einhundert Zeichen, die uns pro Frage zur Verfügung stehen, so verkürzt und vereinfacht darstellen kann, dass er immer noch richtig ist. Darin liegt oft die Schwierigkeit.

Netzeitung: Wenn man fit werden will als Quiz-Kandidat, sollte man den kompletten Brockhaus einmal gelesen haben.
Schröder: Den Brockhaus eher nicht, weil die Wahrscheinlichkeit, dass man vor der Sendung in einem verantwortbaren Zeitrahmen durchkommt, relativ gering ist. Was aktuelle Entwicklungen bei Königshäusern, Sport oder Politik angeht, ist der Brockhaus außerdem schon veraltet, wenn er gedruckt wird. Ich sage immer, zur idealen Vorbereitung liest man an besten 50 Jahre lang jeden Tag zwei gute Tageszeitungen und jede Woche die wichtigsten Wochenzeitschriften. Was zugegeben etwas schwierig ist ...

Netzeitung: Gab es denn schon Schummelversuche von Kandidaten?
Schröder: Nein, keine, die mir bekannt geworden wären. Unsere Daten sind auch so gesichert, dass man nicht so ohne weiteres rankommt. Hier steht nichts im Büro herum und Ausdrucke gibt es auch nicht. Man müsste außerdem erst einmal Kandidat werden, dann das Know-how und auch noch die kriminelle Energie haben, um die Datenbank zu knacken - das halte ich für ziemlich ausgeschlossen. Abgesehen davon sind auch in unserer Datenbank sechzig- bis siebzigtausend Fragen. Die müssen auch noch alle gelesen werden.

Netzeitung: Das wäre jedenfalls einfacher, als 50 Jahre Tageszeitung nachzuholen. Erwarten Ihre Freunde und Bekannten eigentlich, dass Sie immer alles wissen?
Schröder: Das kommt vor. Und dann sage ich, ich muss nur wissen, wo man alles nachguckt. Auch bei Günther Jauch glauben die Leute manchmal, dass er alles weiß. Er landet ja mittlerweile in jeder Umfrage nach dem klügsten Deutschen oder wer Bundeskanzler werden sollte ganz weit vorne. Und das, obwohl er selbst oft genug sagt, dass er als Kandidat bei "Wer wird Millionär?" im Schnitt zwischen 16.000 und 32.000 Euro gewinnen würde.

Netzeitung:
Gehen Ihnen nach 500 Sendungen die Fragen aus?
Schröder: Bis jetzt nicht. Es wird nur aufwändiger, die leichten Fragen zu suchen. Aber es passiert ja ständig was, es gibt Wahlen, Sportereignisse, neue Hits und neue Bestseller - und manchmal werden sogar neue Planeten entdeckt.

Netzeitung: Sind die Fragen denn kniffeliger geworden oder vielleicht wortspielerischer?
Schröder: Ich sehe mir immer mal wieder alte Sendungen an, um zu gucken, ob der Schwierigkeitsgrad vielleicht vor sechs Jahren ein anderer war. Ich kann keinen Unterschied entdecken. Wir fragen heutzutage manchmal etwas spezieller, aber dafür werden die Alternativen einfacher gehalten. So kann man auch steuern, wie leicht oder schwer eine Frage ist.

Netzeitung: Gibt es Tabus, welche Fragen dürfen niemals gestellt werden?
Schröder: Zu Katastrophen, Morden, Entführungen und so weiter stellen wir keine Fragen, so lange noch Betroffene oder deren Angehörige leben. Wir sind jetzt zum Beispiel beim Thema New Orleans sehr vorsichtig. Aber die Zerstörung von Pompeji durch den Vesuv ist kein Problem, da lebt ja keiner mehr. Was das Dritte Reich angeht, sind wir ebenfalls vorsichtig. Das ergibt sich aber auch ein bisschen aus dem Konzept der Sendung, Sie können nicht für 2000 Euro nach Micky Maus fragen, für 4000 nach Adolf Hitler und für 8000 nach Dieter Bohlen. Das funktioniert einfach nicht.

Netzeitung: Anderes Thema: In kaum einem anderen Land ist das "Wer wird Millionär?"-Konzept so erfolgreich wie in Deutschland. Warum werden wir Deutschen eigentlich so gern wissensgestestet?
Schröder: Ich glaube, dass Quiz ein sehr archaisches Prinzip ist, weil es den Spieltrieb befriedigt. Und ich glaube, dass insbesondere der Deutsche es toll findet, wenn Wissen belohnt wird. Auch ganz profan mit Geld. Außerdem werden so Sachverhalte geklärt, und damit wird Sicherheit geschaffen. Das haben wir Deutsche ja auch gern. Das gilt übrigens auch für England, dort sind Quizformate auch meist ziemlich erfolgreich gewesen.

Netzeitung: Quiz-Sendungen gab und gibt es viele. Warum hat gerade Günther Jauch den Erfolg mit diesem Format?
Schröder: Da kommt einiges zusammen. Unter anderem verkörpert Günther Jauch genau den richtigen Typus, dem man vertraut und dem man zutraut, die Fragen-Inhalte nachvollziehen zu können. Er hat eine journalistische Kompetenz und ist nicht in erster Linie ein schöner Mann, wie man ihn in anderen Formaten, vielleicht in einer Soap oder surfend vor Sylt, sehen will. Er ist im besten Sinne ein Bildungsbürger-Typ, dem man vertraut und den sprichwörtlichen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Das ist bei Quiz sehr wichtig und galt schon für Erfolgsmoderatoren wie Kulenkampff, Thoelke, Rosenthal - und jetzt eben Jauch.

Netzeitung: Profitiert im Gegenzug nicht auch Jauch von der Sendung? Provokant gefragt, wird durch "Wer Wird Millionär?" sein Image als kompetenter, kluger Mensch gepflegt?
Schröder: Das kann man so sagen. Aber letztendlich ist es eine Verzahnung, er passt gut zum Format, das Format passt gut zu ihm. Das sieht man ja auch daran, dass die Sendung - sie war ja ein weltweiter Erfolg - in vielen anderen Ländern nicht so gut läuft oder schon abgesetzt worden ist. Aber in Deutschland funktioniert es besonders gut.

  Link zur Originalseite auf netzeitung.de
 


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