Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



Hotelier Solomon Kerzner:
Tycoon der Vergnügung
(Tagesspiegel, 7. März 2003)

"Think big" - das ist für den Hotel-Tycoon Solomon Kerzner schon aus Prinzip zu wenig. Für ihn muss es schon der Superlativ sein: "Think biggest" – von allem so viel wie möglich. Das ist allem Anschein nach der Maßstab, wenn die Hotel- und Casinogruppe Kerzner International eine neue Anlage plant. Dann wird – wie beispielsweise im Bahamas-Resort "Atlantis" – auch schon mal ein ganzes U-Boot in einen Casinosaal gepackt. Und selbst die Wasserrutsche zum Pool bekommt ihren ganz speziellen Kick: Sie führt durch ein Salzwasserbecken, in dem sich Haie tummeln – selbstverständlich hinter Sicherheitsglas. Für durchschnittlich 214 US-Dollar pro Nacht und Zimmer ist dieser Luxus mit Disney-Flair zu haben.

Ein erfolgreiches Konzept, wie Kerzner betont: "Atlantis" sei zu 82 Prozent ausgebucht, teilt der Firmenpatriarch in einem Gespräch mit dieser Zeitung mit. Und selbst der benachbarte "Ocean Club", Kerzners High-End-Hotel auf den Bahamas, bringe es auf eine Auslastung von immerhin 65 Prozent – und das bei Zimmerpreisen von im Durchschnitt 539 Dollar pro Übernachtung.

Und nun kommt Kerzner Europa immer näher. Zwar sei es "noch ein bisschen zu früh, um darüber zu reden", aber man stehe kurz vor dem Abschluss von Vereinbarungen über eine Anlage im marokkanischem Marrakesch. Kerzner: "Ich hoffe, dass wir recht bald mit der Planung anfangen können. So gesehen kann man sagen, dass wir Europa näher kommen."

Es dürfte eine Anlage in typischem Kerzner-Stil werden, den der mittlerweile 67-Jährige in seinem Heimatland Südafrika entwickelt hat. Er ist der Schöpfer von "Sun City", jener ebenso erfolgreichen wie umstrittenen Anlage, die im südlichen Afrika während der Apartheid entstand. Im so genannten Homeland Bophutatswana legte Kerzner den Grundstein seines bis heute erfolgreichen Mix aus Glücksspiel, Entertainment und Luxus. Mit dem als südafrikanischen Las Vegas geplanten "Sun City" konnte Kerzner in den späten siebziger Jahren ausnutzen, dass in der erzkonservativen Republik Südafrika Glücksspiel verboten und frivole Tanzrevuen oder gar Pornokinos nicht gern gesehen waren, was in dem nur 200 Kilometer nordwestlich von Johannesburg gelegenen teilautonomen "Homeland" jedoch kein Problem war. Schnell hatte "Sun City" seinen Ruf als "Sin City" – die Stadt der Sünden – weg. Und noch heute gilt: Wer nur "Sun City" besucht hat, kennt keineswegs Südafrika.

Aber weder der zwiespältige Ruf noch ein Boykott vieler internationaler Künstler, die sich aus Protest gegen den südafrikanischen Rassismus weigerten in Kerzners Las-Vegas-Variante aufzutreten, konnten den Erfolg gefährden. Heute ist die mehrfach erweiterte künstliche Stadt aus Marmor, Glas und Kunststoff eines der größten Vergnügungszentren südlich des Äquators und zieht mit einem inzwischen sehr familienfreundlichen Angebot aus Sport und Entertainment jährlich mehr als drei Millionen Besucher an. Es wird fast alles geboten: Vom Golfplatz und Wellenbad mit Sandstrand über Popkonzerte und Shows bis zu Restaurants und Weinhandlungen, die ein großes Angebot an südafrikanischen Weinen führen.

"Ich habe sehr klein angefangen", sagt Sol Kerzner. "Sehr klein" – das heißt als Sohn russischer Einwanderer in Südafrika. Solomon ist das jüngste von vier Kindern und der einzige Junge. Er wächst in Doornfontein auf, einem bitterarmen Vorort von Johannesburg, wo er als einer von zwei jüdischen Jungen in der Klasse regelmäßig verhauen wird. Boxstunden sind seine Antwort. Er will lernen, wie er später sagt, "die anderen Jungs zusammenzuschlagen, die mich zusammengeschlagen hatten". Kerzner bringt es immerhin bis zum Champion im Weltergewicht an seiner Universität.

Auch beruflich boxt er sich nach oben: Zunächst wird er Manager eines koscheren Gästehauses, das die Familie in Durban führt und später etabliert er sich als Franchise-Nehmer einer südafrikanischen Hotelkette. In dieser Zeit reift auch die Idee für "Sun City". Ein Deal, über den bis heute heftig spekuliert wird. Gegen Anschuldigungen, beide Seiten bestochen zu haben – den oppositionellen ANC und die damalige südafrikanische Apartheidsregierung – wehrte sich Kerzner erfolgreich.

Seinen Ruf als "Donald Trump von Südafrika" wird er allerdings nicht los. Unbestreitbar ist die schillernde Unternehmer-Persönlichkeit Solomon Kerzner, der als mindestens so farben- und facettenreich eingeschätzt wird wie die rund 50.000 Fische in den künstlichen Lagunen und Unterwasserlandschaften von "Atlantis".

Das 1999 eröffnete "Atlantis" ist die jüngste Erweiterung auf "Paradise Island". Die zu den Bahamas gehörende Insel war 1994 der Schritt in Richtung einer internationalen Hotelkette und ist nach wie vor das Flaggschiff von Kerzner International Limited. "Paradise Island bringt 75 Prozent unserer Einnahmen", sagt Kerzners Sohn Butch, der das Unternehmen des mittlerweile fünffachen Vaters und sechsfachen Großvaters Solomon Kerzner führt.

Kerzner senior konzentriert sich "auf Planung und Konzeption" wie beispielsweise für das 1,1 Milliarden Dollar teure Projekt "Mohegan Sun". Die knapp eine Million Quadratmeter große Indianerwelt liegt 240 Kilometer vor den Toren von New York City auf dem Gebiet des Mohegan-Stammes und umfasst ein 34-Stöckiges Hotel sowie ein Casino mit 290 Poker- und Spieltischen und nicht weniger als 6.200 Geldspielgeräten. Ähnlichkeiten zu "Sun City" sind wohl nicht zufällig ...

Nach wie vor präsentiert sich Sol Kerzner als Ideengeber der Gigantomanie, die den Worten des bulligen Südafrikaners zufolge nur ein Ziel kennt. "Der Gast muss von den Erlebnissen umgehauen werden." Dafür wird dann das Karibische Meer in einen Ferienpark wie "Atlantis" gepackt oder ein Luxushotel wie das "Royal Mirage" in Dubai soll gleich einen Eindruck von ganz Arabien vermitteln. Ganz Arabien? Ja, ganz Arabien. Man kann nicht gerade behaupten, dass es den Kerzners an Überzeugung für die eigenen Konzepte mangelt. Wenn man fragt, was genau denn das besondere an einer Anlage ist, kommt die Antwort prompt: Die Anlage selbst. Sie sei eben komplett einzigartig. Wie übrigens jedes Kerzner-Resort. Und dies sei auch der Grund für das Unternehmen, in diesem Jahr nach und nach alle Hotels unter einen neuen Namen zu stellen, der die Einzigartigkeit ausdrücken soll: der Markenname "One & Only".

Und jede Wiedereröffnung wird gefeiert, selbstverständlich standesgemäß mit jeder Menge Promis. Zur Eröffnung von "Atlantis" sang Michael Jackson von den Zinnen eines künstlichen Maya-Tempels. Zum Rebranding des vergleichsweise kleinen "Le Touessrok" auf Mauritius im Dezember schmalzte Bryan Ferry stimmungsvolle Balladen und natürlich waren auch ein paar Bond-Girls auf der Party. Aber nur "die wirklich gutaussehenden", wie nicht versäumt wird, zu betonen.

Selbst urlauben in einer seiner Anlagen würde Solomon Kerzner allerdings nicht. Er zieht seine Villa in Südfrankreich vor. So gesehen ist er schon angekommen in Europa.
 


Arbeitsproben

Biografie

Kontakt

Home