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  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



Johnny Cash:
Man in Black gestorben
(Saarbrücker Zeitung, 13. September 2003)

"Till things are brighter, I'm the man in black." Bis sich die Dinge gebessert haben, werde er schwarz tragen, so hat es Johnny Cash in dem 1971 veröffentlichten Song "Man In Black" angekündigt. Er hat sich daran gehalten. Stets fiel sein Blick auch auf die nicht ganz so strahlende Kehrseite des amerikanischen Traums, auf die Entwürdigten, Entrechteten, Gescheiterten und Ausgestoßenen, die von der üblichen Western- und Trucker-Romantik in der Countrymusic so gern vergessen werden. Cash war deshalb mehr als "nur" eine Country-Legende: Ohne ihn wäre Popmusik heute anders.

Am Freitag starb John R. Cash an Lungenversagen, ausgelöst durch eine schwere Diabetes-Erkrankung, an der er seit 1997 litt. Er folgt damit seiner Frau June Carter-Cash, die vor vier Monaten an den Folgen einer Herzoperation gestorben war. Der Tod von June hatte den Sänger stark belastet. Mit seiner Frau war Cash seit 1968 verheiratet und die Verbindung mit dem Spross der ebenfalls legendären "Carter Family" war auch künstlerisch sehr fruchtbar: Sie zog ihn in der Zweiten Hälfte der 60er Jahre aus einer Sucht nach Aufputschmitteln und schrieb mit "Ring Of Fire" – ihre Liebeserklärung an Johnny - einen der bis heute erfolgreichsten Cash-Titel.

Geboren wurde der Country-Superstar am 26. Februar 1932 im US-Bundesstaat Arkansas als Sohn eines Baumwollfarmers. Nach Jahren harter Feldarbeit und späterem Militärdienst begann Cashs Karriere im Winter 1954 bei Sam Phillips Plattenlabel "Sun", das unter anderem auch Elvis Presley unter Vertrag hatte. Und damit zeichnete sich schon zu Beginn seiner Musikerlaufbahn das ab, was den großen Country-Outlaw bis zu seinem Tod begleiten sollte: Die wilde und rohe Musik von Sun-Größen wie Presley, Jerry Lee Lewis und eben auch Johnny Cash und seinen "Tennessee Two" gefiel dem Country- Establishment in Nashville ganz und gar nicht. Man rümpfte die Nase ob dieses Rebellentums. Der verschmähte selbst nahm's relativ gelassen: "Ich habe von Anfang an mein Ding gemacht. Manchmal hieß das Rockabilly, dann wieder Rock'n'Roll. Das war bevor sie mich in die Country-Schublade steckten."

Nur ein gutes Jahr später entstand "Folsom Prison Blues", eine typische Rockabilly-Aufnahme mit messerscharfen Gitarrensound, die Cashs vielleicht berühmteste Text-Zeile enthält: "I shot a man in Reno just to see him die." Ein Mord, nur weil man einfach mal jemand sterben sehen möchte, das würde auch heute jedem Rapper den "Explicit Lyrics"-Aufkleber einbringen.

Für den "solitary man", den Einzelgänger war er kennzeichnend, dieser Blick auf die Outlaw-Seite, mehr noch, das Verständnis für die dunklen Seiten der menschlichen Existenz. Fast schon gradlinig führt dieser Weg zu einem der beiden großen Karriere-Wendepunkte: Cashs Konzert im Kalifornischen Staatgefängnis San Quentin.

Die Aufnahmen von diesem pophistorischen Moment aus dem Jahre 1969 vermitteln selbst akustisch einen unglaublich dichten Eindruck von Knast-Revolte, die damals von den Gefängniswärtern nur mit Hilfe durchgeladener Pumpguns unterdrückt werden konnte. Aber auch hier fiel der Blick auf die Brüche dieser Situation: "Ich habe es schon immer als eine Ironie empfunden, dass ausgerechnet ein Gefängniskonzert, bei dem sich zwischen den Häftlingen und mir eine Beziehung entwickelt wie unter verbündeten Rebellen, Außenseitern und Schurken, meinen Marktwert so steigen ließ", schrieb Cash in seiner Autobiografie.

Ein weiterer Wendepunkt im Leben des Outlaw ist die Zusammenarbeit mit dem Hardrock- und HipHop-Produzenten Rick Rubin (Beastie Boys, Danzig): Cash, dessen Country-Karriere längst beendet und mit einem 1990 verliehenen Grammy – mittlerweile sind es elf – für sein Lebenswerk final gewürdigt zu sein schien, feierte mit Rubins "American Recordings" ein triumphales Comeback. Gerade die schlichten Cover-Versionen bereits erfolgreicher Hits belegen Cashs Einfluss auf die heutige Rockmusik: Sie klingen, als hätten die anderen Cash gecovert. Bis zur letzten Aufnahme hat der große alte Mann dieser dermaßen soliden Stimme, dass man Häuser drauf bauen könnte, seinen direkten und persönlichen Blick auf die Dinge behalten.
 


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