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  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



American Frauen-Football:
Strafrunden für Freundlichkeit
(Süddeutsche Zeitung, 10. Juli 2002)

Das Damen-Team der "Cologne Crocodiles" spielt seit zehn Jahren um die Deutsche Meisterschaft und muss mit dem Vorwurf leben, viel zu nett zu sein.

Sie reißen sich um, gehen hart zu Boden, werfen sich mit Anlauf auf den Gegner. Manchmal krachen die Helme so laut gegeneinander, dass man es sogar noch auf der Tribüne hören kann. Doch eigentlich, glaubt Dominique Felt, seien sie noch viel zu freundlich zueinander. "Football ist ja auch ein sehr aggressiver Sport", sagt sie. Die 28-jährige Sportstudentin spielt im Damenteam der "Cologne Crocodiles" und trägt die Rückennummer 55. Wenn sie oder eine ihrer Mannschaftskolleginnen mal wieder zu rücksichtsvoll war, kassiere das Team auch schon mal eine Strafe von Trainer Charlie Unkelbach. Der könne es zum Beispiel nicht ertragen, wenn man sich nach einer rüden Aktion bei der Gegnerin entschuldige. "Dann setzt es Strafrunden oder Liegestützen wegen übertriebener Freundlichkeit", sagt Dominque.

16 Jahre ist es mittlerweile her, dass sich in Deutschland die ersten Frauenteams gegründet haben. Eines der ersten war das Team der "Cologne Crocodiles". Sechs Jahre mussten die Damen warten, bis sie der American Football Verband Deutschland (AFVD) vollständig akzeptierte und das erste Mal um die Deutsche Meisterschaft spielen ließ. Saison für Saison kämpfen die Footballdamen seitdem um den "Ladies Bowl". Deutschland ist damit führend, jedenfalls was die Gleichberechtigung im Football angeht. Selbst im Mutterland des harten Sports, den Vereinigten Staaten, gibt es erst seit drei Jahren eine professionelle Damenliga. In fast allen anderen Ländern spielen Frauen meist noch "Flagfootball", die stark entschärfte, fast körperlose Version des Sports mit dem eiförmigen Ball. Tackeln zum Beispiel ist beim Flagfootball nicht erlaubt. Dabei wird die Ballträgerin in vollem Lauf gepackt und zu Boden geworfen.

Ganz ernst genommen würden sie allerdings noch nicht, sagt Dominique Felter. Es gebe viele Männer, die nur ein müdes Lächeln für sie übrig hätten und ihren Sport als "Schicksen-Football" abstempelten. Der ganze "Trash Talk" ihrer Teamkollegen nerve schon manchmal, sagt sie und klopft sich zur Illustration des männlichen Imponiergehabes wie ein Gorilla auf den Oberkörper-Schutz.

Wie Männer über Frauen-Football denken, weiß Domniques Mannschaftskollegin Jessica Allf schon seit vielen Jahren. Mit 15 Jahren bringt sie vom ersten Training 30 blaue Flecken mit nach Hause. Zu viel für ein Mädchen, wie ihr Vater damals findet. Es gibt Ärger und Trainingsverbot. Aber sie hat sich durchgesetzt und trägt heute als Linebacker die Rückennummer 53 auf dem grün-gelben Trikot der Crocodiles Ladies beim Spiel gegen die SG Mülheim/Bochum. Sogar Mutter Allf ist an diesem Tag in die Mülheimer "Sportanlage Wenderfeld" gekommen, um ihre Football begeisterte Tochter beim Tackeln und Blocken zu beobachten.

Neben den Cologne Crocodiles ist die Spielgemeinschaft der Mülheim Shamrocks und Bochum Miners das zweite NRW-Team in der Damenbundesliga. Bei der Partie geht es um den "10. Ladies Bowl" – allerdings noch in der Vorrunde. Beide NRW-Teams spielen in der Gruppe Süd der Damenliga zusammen mit den Nürnberg Hurricanes, den Munich Cowboys und dem Rüsselsheim Wolfpack. Die Mannschaften aus dem Norden und dem Süden der Republik treffen erst im Halbfinale aufeinander, wenn die jeweils Ersten und Zweiten der beiden Gruppen die Finalteilnehmer ermitteln.

Bei der ersten reguläre Bundesliga-Saison im Jahr 1990 konnten sich die Bamberg Lady Bears durchsetzen. Dass die erfolgreichen Lady Bears drei Jahre später aufgeben mussten, nachdem sie noch zwei weitere Male die Liga gewonnen hatten, gehört zu den typischen Problemen im Frauenfootball. Laut Spielordnung des AFVD kann ein Team nur dann gemeldet werden, wenn es im Kader mindestens 30 Frauen gibt. Nachdem viele Soldatinnen und Armee-Angehörige 1993 mit der US-Armee aus Deutschland abgezogen wurden, brachen jedoch vielen Mannschaften schlicht die Spielerinnen weg. Auch das Bamberger Team war plötzlich zu klein, um weiter in der Liga bleiben zu können.

Ableben durch Nachwuchsmangel – ein Schicksal, dass viele Frauenteams in der Football-Bundesliga fürchten. Man ist froh über jede die kommt und mitspielt. Dementsprechend hätten sehr viele Teams "die Einstellung einer Thekenmannschaft", sagt Trainer Charlie Unkelbach. Auch für Dominique Felt gehört die leidige "Einstellungsfrage" zu den großen Problemen, denn Football sei eben "ein extremer Mannschaftssport". Wenn der Trainer besonders viel Disziplin verlange, komme manchmal ein Kommentar wie "wir sind doch nur Frauen". "Und das ärgert mich", sagt die Sportstudentin mit den rotblonden Haaren. "Wenn man gleich sagt, man kann es nicht, dann kann man es auch nicht. "

Einen Mangel an Aggressivität lässt sich in Mülheim-Oberdümpten heute zumindest nicht feststellen, was auch daran liegen mag, dass es wegen der Vereinigung der Mülheim Shamrocks und Bochum Miners den ein oder anderen Wechsel nach Köln gab. Man schenkt sich keinen Yard. Beim American Football geht es schließlich um Raumgewinn mit dem Ziel, den Ball zum "Touchdown" in die Endzone des Gegners zu bringen. Was bis zur Halbzeitpause allerdings keinem Team gelingt. Auch bei den Verletzungen ist das Spiel ausgeglichen, mal humpelt die Nummer 71 der Shamrocks vom Platz, mal muss die 33 der Crocodiles am Knie behandelt werden. Eiswasser kühlt die Schwellung und ein Kompressionsverband soll das Einbluten ins Knie verhindern. Die Spielerin demonstriert währenddessen Nehmerqualitäten: All das sei nichts Schlimmes, allenfalls hätten die Sehnen was abgekriegt, sagt die Nummer 33.

Die 50 Experten auf der Steintribüne haben derweil das Spiel fest im Blick. Sicher, die Shamrocks gewinnen noch, schließlich haben die Kölnerinnen vor der Saison bei einem Testspiel nicht gerade geglänzt. Auch der Stadionsprecher sieht in seinem Kommentar Vorteile für die SG Mülheim/Bochum. "Da ist viel Druck gewesen auf das Offense-Backfield der Kölnerinnen", knarzt es aus den Lautsprechern herunter auf die Tribünen, wo sich auch die grauen Steinplatten einen harten Kampf gegen das aus allen Ritzen sprießende Unkraut liefern. Ein paar Bockwürstchen mit Senf und ein paar erfolglose Spielzüge später ist die Partie vorbei. Punkte gab es auf keiner Seite zu bejubeln. Immerhin weiß die Tribüne jetzt, welche Spielerin neuerdings die Perle von wem ist. Wer braucht noch Bier?

Die familiäre Atmosphäre hilft den Vereinen zu überleben, denn Frauenfootball ist nicht gerade ein Sport, in dem die Millionen fließen. Jedes Bier aus der mobilen Zapfanlage füllt auch die Vereinskasse ein wenig. "Die finanzielle Situation bei den Damenteams ist mit Sicherheit eng, da ist ziemlich viel Eigeninitiative gefragt", sagt Manuela Gaden, Bundesfrauenbeauftragte des Footballverbandes AFVD.

Ein Problem, dass die Kölnerinnen nur zu gut kennen. Hat der Verein früher noch einige Tausend Mark zugeschossen, gibt es heute kein Geld mehr. Dafür kommen die Mitgliedsbeiträge komplett der eigenen Mannschaft zu Gute. Dominique Felt: "Mittlerweile sind wir völlig selbst organisiert und das ist ja eigentlich auch nicht schlecht. Wir haben alles selbst in der Hand." Und so muss beim nächsten Spiel am Sonntag – wieder gegen die SG Mülheim/Bochum – der Sieg eingefahren und die Clubkasse aufgebessert werden. Also werden die Spielerinnen nicht nur an der Taktik feilen, sondern mit Blick auf die Vereinskasse auch leckeren Kuchen backen.
 


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