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  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



Pianistinnen-Double im Film:
Falsche Finger
(Berliner Zeitung, 6. Januar 2004)

Franka Potente spielt in ihrem neuen Film eine Pianistin, kann aber nicht Klavier spielen. Zumindest nicht gut genug. Susanne Kessel half der Schauspielerin – sie wurde ihr Double.

Das Abendkleid schimmert blutrot, die Haare sind streng nach oben gesteckt und mit voller Wucht fahren ihre Hände auf die Tasten eines riesigen schwarzen Konzertflügels nieder – schon in der ersten Klavierszene des Films "Blueprint" soll alles so authentisch wie nur möglich wirken, niemand darf daran zweifeln, dass Franka Potente die Weltklasse-Pianistin Iris Sellin ist. Denn das ist ihre Rolle. Eine Pianistin zu spielen.

Allerdings ist alles viel komplizierter, weil es auch noch Susanne Kessel gibt. Kessel ist Potente, also die Filmfigur Iris Sellin, zumindest zeitweise. Die 33 Jahre alte Musikerin Susanne Kessel, bisher vor allem fachkundigen Klassikhörern bekannt, ist der heimliche Star des Films. Kessel doubelt die Hauptdarstellerin in allen Piano-Szenen, ihre Finger gleiten über die schwarzen und weißen Tasten, ihre Hände liefern den dynamischen Anschlag, ihr Rücken bewegt sich im Rhythmus der Musik.

Und nebenbei hat Kessel auch die Klavierstücke des jetzt erschienenen "Blueprint"-Soundtracks eingespielt. Auch wenn Susanne Kessels Gesicht auf der Leinwand unsichtbar bleibt, so ist sie durch ihren ungewöhnlichen Job in dieser Produktion eine der wichtigsten Figuren von "Blueprint", zumindest musikalisch gesehen.

Schauspieler-Doubles sind im Filmgeschäft unverzichtbare und gut beschäftigte Crew-Mitglieder. Sie springen anstelle der Schauspieler aus brennenden Autos oder geben sich die Blöße, wenn dem Star eine sexy Szene doch ein bisschen zu sexy ist. Auf die glaubwürdige Darstellung von Musiker-Rollen wird dagegen meist weniger Wert gelegt. Oft dürfen sich Schauspieler bei der Darstellung von Sängern, Saxophonisten oder Pianisten so plump bewegen wie Luftgitarre spielende Grobmotoriker.

So gesehen, ist der deutsche Film "Blueprint" eine Ausnahme: Soundtrack und sämtliche Klavierszenen stammen aus einer Hand - und sind wohl auch deshalb so überzeugend. Das sei auch wichtig, denn die Musik von Beethoven, Bach oder Debussy erzählt die ganze Film-Geschichte mit, sagt Susanne Kessel.

In "Blueprint" spielt Franka Potente die Figur des Klassik-Superstars Iris Sellin, einer Frau, die an Multipler Sklerose erkrankt. Die erfolgreiche Pianistin befürchtet, bald nicht mehr Klavier spielen zu können und lässt sich deshalb klonen, damit ihre Tochter die Karriere vollenden kann. Als die ebenfalls von Franka Potente gespielte Tochter Siri erfährt, dass sie nichts anderes ist als eine genetische Kopie, eine Blaupause, ein Blueprint, droht sie daran zu zerbrechen.

Eine Woche hatte die Bonner Konzertpianistin Susanne Kessel Zeit, um diesen Mutter-Tochter-Konflikt mit der Klaviertastatur umzusetzen. Aber wie spielt man glaubwürdig einen musikalischen Blackout am Flügel, wenn Tochter Siri unter dem Druck zusammenbricht, ihr geklontes Talent vor Publikum beweisen zu müssen? Und dies in – so die Vorgabe der Regie – exakt einundzwanzig Sekunden.

Oder wie macht man gleich mit dem ersten Akkord der ersten Konzert-Szene klar, dass hier eine Weltklasse-Pianistin spielt? Susanne Kessel griff zu einem ungewöhnlichen Mittel: weg mit dem Korsett von penibel ausgezählten Takten. "Ich habe den ersten Akkord der Pathetique von Beethoven einfach so lange stehen lassen, bis die Spannung nicht mehr erträglich war", sagt Susanne Kessel.

Dass der cineastische Ausdruck bei solchen Interpretationen im Vordergrund steht, war kein Problem für die Musikerin. Ihr sei von Anfang an klar gewesen, "dass natürlich kein Stück so gespielt wird, wie ich es normalerweise spiele", sagt Susanne Kessel. Damit durch den Film kein schiefes Bild entsteht, gibt es den "Blueprint"-Soundtrack gleich im Doppelpack. Auf der ersten CD ist die eigentliche Filmmusik, auf der zweiten interpretiert Kessel die Klavierwerke so, wie sie es in einem Konzert tun würde. Ein cleverer Zug der Konzertpianistin. "Ich weiß, dass man nirgendwo sonst ein so großes Publikum für die klassische Musik gewinnen kann", sagt sie.

Tatsächlich dürfte der Bekanntheitsgrad Susanne Kessels durch ihren Job bei der "Blueprint"-Produktion erheblich steigen. Schon jetzt ist die Preisträgerin des Internationalen Schubert-Wettbewerbes in der Klassik-Szene nicht unbekannt und wird für ihre mutigen Interpretationen mit "aberwitziger Anschlagsdynamik" und für ihr sehr "physisches Spiel" von Kritikern gelobt. Und von einem solchermaßen beeindruckenden Körpereinsatz kann man auch als Kinobesucher nur profitieren.
 


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