Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  
Sascha Woltersdorf



David Bowie im Kölner E-Werk:
Unglaublich persönlich
(Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2002)

Mit Helden von gestern ist das so eine Sache. Der Mythos überwuchert
die Person – und irgendwann weiß man nicht mehr, ob man eine mit Popgeschichte aufgeladene Heldengestalt nun bewundern oder bedauern soll. Manchmal aber bietet sich die Möglichkeit zum Vergleich, wie bei David Bowie, der nach Jahren der Abstinenz auf die Bühne herabsteigt,
um sein neues Album „Heathen“ zu promoten.

Die Erwartungshaltung stieg ins Unermessliche, weil gänzlich
unheldenhaft zu einem simplen Trick gegriffen wurde: der Verknappung
des Angebots. Es gab nur einen Auftritt in Deutschland: im Kölner
E-Werk, das bei einer Kapazität von etwa 2500 Zuschauern (und Schwarzmarktpreisen bis zu 200 Euro) gerade noch so etwas wie Clubatmosphäre für sich reklamieren kann. Das Konzert war in
45 Sekunden ausverkauft. Der Mythos funktioniert.

In der Branche glaubt man allerdings eher an einen künstlichen Hype,
der die Fans begehrlich machen soll für eine angeblich im Frühjahr 2003 anstehende große Tour. Bowie selbst begründet die Sparsamkeit mit Vaterpflichten gegenüber seiner knapp zweijährigen Tochter. Wieder
eine neue Rolle für den jetzt 55-jährigen Altmeister sich wandelnder Selbst(er)findung, der mit einem viel benutzten Klischee als „altes Chamäleon“ bezeichnet wird. Nicht ganz zu unrecht, schließlich hat er seinen Imagewechsel 25 Alben lang perfektioniert – für Pop-Verhältnisse eine kleine Ewigkeit.

Aber diesmal outet sich Bowie zur Kenntlichkeit: Endlich, so sagt er, bekomme man den echten, wahren, unverstellten Bowie präsentiert.
Und muss erst mal erklären, was er auf dem neuen Tonträger alles nicht
sei: nicht anonym, keine Kunstfigur, kein Alter ego. Auf diesem „persönlichen Album bin ich der Protagonist“, bekennt er in Interviews. Aber will man überhaupt den echten Bowie? Oder nicht doch lieber den historischen, die schillernde Persönlichkeit? Ein bisschen gleicht das
einem clash of the titans: Idol gegen Individuum.

Zu Beginn des Konzerts präsentierte der wahre David Bowie den
Altmeister und mit Songs wie „Changes“, „Heroes“ und „Ashes to Ashes“ eine Auswahl seiner Greatest Hits. Wohliges Schaudern der Erinnerung beim Publikum inklusive, obgleich der Star hier durchaus bewusst und ironisch mit abgelegten Identitäten spielt: „Ashes to Ashes“ beendete schließlich auch den Trip von Major Tom, jener Bowie-Kunstfigur, die oft allen Kontakt zur Bodenkontrolle verloren hatte. Mit diesem Major Tom sollte man besser nichts zu tun haben.

Der gut gelaunte Entertainer im schicken Anzug rief so heftigsten Beifall hervor – ab und zu lässig einen Klassiker einschieben, das reicht eben schon. Selbst kleinste Gesten – Bowie spielt ein bisschen Luftklavier –
ließen die Stimmung explodieren. Mehr als höflichen Applaus indes gab
es für die neuen Stücke nicht, deren ruhigere Stellen sogar für schamlose Pausengespräche genutzt wurden. Der Vergleich Gestern–Heute ging jedenfalls eindeutig aus: Sieg für die Ikone.

Und es wäre bei dem lockeren, smarten Selbst-Cover-Abend geblieben, hätte es nicht einen zweiten Zugabe-Teil gegeben. Von der hartnäckigen Begeisterung gerührt und wieder auf die Bühne zurückgeklatscht, hoben Bowie und Band zu einem fantastischen Finale des zweieinhalbstündigen Abends ab. Die schunkelige Gemütlichkeit der ersten Hälfte hatten sie nun endlich abgelegt – so konnte man einen dieser seltenen Momente erleben, in denen aus einem Programm mehr wird als die Summe seiner Teile. Endlich bekamen auch die Songs aus der Zeit vor Bowies funktionaler „Let’s Dance“-Phase das, was sie brauchen: stille Leidenschaft. Völlig in sich selbst versunken stand Bowie am Synthesizer und öffnete mit „Sound and Vision“ und „Breaking Glass“, den kühlen New-Wave- Vorläufern aus seiner Berliner Zeit, einen Spalt weit die Pforte zu den höllischen Paradiesen von einst. Einen Augenblick lang sah man sie vor sich: die Berliner Nachtclubs und Studiokeller, den Dschungel der Lüste. Und der Mythos wurde konkret.
 


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