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  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




Traditionshandwerk Messerschleiferei:
Ein Leben lang scharf
DB Mobil, September 2009

Wer die Werkstätten der Manufaktur Robert Herder betritt, lässt das
21. Jahrhundert hinter sich. Hier ist die Welt aus Holz, Leder, Stein und
Stahl. Klingenstahl, um genau zu sein. Denn seit 1872 stellt das rund 67 Mitarbeiter starke Unternehmen Messer her.

Verändert hat sich so gut wie nichts seit den Gründerzeiten. Heute wie damals hocken Gesellen und Meisterschleifer auf niedrigen Holzschemeln und drücken Klingen gegen eine schnell drehende Lederscheibe, deren
Rand mit einer Mischung aus hartem Leim und Schleifmittel bestrichen
ist. Nur so würde und bliebe das Messer viele Jahre scharf, sagt Geschäfts-
führerin Giselheid Herder, Urenkelin des Unternehmensgründers. Außerdem gelinge der "Solinger Dünnschliff" am besten von Hand. Maschinen tun sich da schwer.

Etwa vier Millionen Euro Umsatz erzielt das Traditionsunternehmen, rund eine Million Messer verlassen das Werk jährlich unter dem Markennamen "Windmühlenmesser". In jedem steckt viel Handarbeit, vom 45 Zentimeter langen und 240 Euro teuren Schinken- und Filiermesser mit gemasertem Birkenholzgriff bis zum kleinen Obst- und Gemüsemesser für 7,50 Euro. Aber selbst so ein günstigstes "Zöppken" schält 50 Jahre lang jeden Apfel. Vorausgesetzt, es wird richtig nachgeschärft und gut gepflegt, sagt die 48-Jährige. Schneidbretter dürfen zum Beispiel nicht zu hart sein. Und Spülmaschinen sind sowieso Gift für jede dünngeschliffene Klinge aus Carbonstahl.

Herder ist eine der zahlreichen Manufakturen, die bis heute den Weltruf
von Solingen begründen. Die bergische Stadt nahe Wuppertal ist das Zentrum der deutschen Schneidwaren- und Besteckindustrie mit 220 Betrieben. Rund 2,2 Milliarden Euro werden mit Scheren, Bestecken, Kochgeschirr und natürlich mit Messern aller Art erwirtschaftet.

Neben kleinen Manufakturen produzieren auch internationale Player
wie die im Jahr 1731 gegründete Zwilling J.A. Henckels AG bis heute in Solingen. Dort übernehmen inzwischen moderne Maschinen die meisten Arbeitsschritte. Mehr als 350 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunter-
nehmen Ed. Wüsthof Dreizackwerk, dessen Logo bereits 1895 als Waren-
zeichen beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin eingetragen wurde.

Roboter mit orangefarbenen Greifarmen führen die Klingen an die Schleifmaschinen. Doch am Ende sorgt wieder der Mensch für Qualität:
Der Feinschliff und danach das allerletzte Schärfen, der Feinabzug, erfolgen bei "Dreizack"-Messern per Hand.

Zwar ist die Wirtschaftskrise auch an der Klingenstadt nicht spurlos vorübergegangen, doch trenne sich gerade jetzt die Spreu vom Weizen, erläutert Jens-Heinrich Beckmann vom Industrieverband Schneidwaren in Solingen. "Unternehmen, die in guten Zeiten in die Weiterentwicklung ihres Betriebs investiert haben und sich auf ihre Stärken besinnen, dürften gute Chancen haben, auch die jetzige Krise zu überstehen." Die Stärken, das sind die handwerklichen Kompetenzen kleiner und mittelgroßer Premium-Messermacher wie Herder, Gehring, Solicut oder Karl Bahns mit der
Marke "Burgvogel", die mit ihren Produkten vom allgemeinen Trend hin
zur Manufakturware profitieren.

Mehr als das allgemeine Konsumklima machen den Herstellern die vielen Markenpiraten zu schaffen, im Windschatten des guten Solinger Rufs segeln, wie IHK-Geschäftsführer Ludger Benda beklagt. Dabei sollte eigentlich alles per "Solingenverordnung" aus dem Jahr 1994 geregelt sein: Wo Solingen draufsteht, das muss in Solingen hergestellt sein. Und das gilt nicht nur für Klingen, sondern gleichermaßen für Blankwaffen, Haarschneidemaschinen und sogenannte "Tafelwerkzeuge", selbst wenn diese nicht "von schneidender Natur" sind. Tortenheber etwa. Oder Nussknacker.

Auch international wird die Stadt mehr und mehr zu einem geschützten Markennamen, zum Beispiel in Ländern wie China, Russland und USA.
Nicht wenige Produktpiraten setzen daher völlig neue Orte auf die Welt-
karte. "Soligen", "Siligen" oder "Solinz" zieren dann so manch billig abge-
kupferte Brotsäge. Vor allem auf beste Qualität will man deshalb in der Klingenstadt setzen, um damit mittel- bis hochpreisige Waren an den Kunden zu bringen.

Im traditionellen Handwerk des Schleifens sieht "Windmühlenmesser"-
Chefin Herder deshalb die "Solinger Kernkompetenz". Dabei war dieser
Beruf schon fast ausgestorben, der "Messerschleifer und Pließter" wurde 1969 als Lehrberuf abgeschafft. Doch gerade das "Pließten" und das "Blau-
pließten", der extrem feine Zuschliff per Hand, der einer Klinge einen leicht bläulichen Schimmer verleiht, gelten wieder als zukunftsträchtig. Junge Azubis werden eingestellt, sogar der im vorindustriellen Zeitalter geborene Schleifer feiert seit einigen Jahren die Auferstehung in neuem Gewand. Heute lernen die Lehrlinge als "Teilezurichter mit Fachrichtung Metall und Messerschleifer". Nur die Berufsbezeichnung könnte noch etwas Feinschliff vertragen.

 




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