Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




Breeders-Konzert:
Rocken bis die Birne glüht
stern.de, 23. April 2008

Die Breeders, einstige Kultband der 90er Jahre,
haben ein maues Album abgeliefert. Aber live
haben die Zwillingsschwestern Kim und Kelly Deal
bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert in Köln
einen im wahrsten Sinne des Wortes glühenden
Auftritt hingelegt.

"Stillstand braucht Bewegung wie Huhn Ei", texteten einst Spillsbury.
Und wie recht diese immer etwas aufgekratzt wirkenden Hamburger
Elektro-Popper damit hatten, zeigt ausgerechnet eine Band, von der
gar nichts mehr zu erwarten war: die Breeders. Den Bandnamen kennt
nicht jeder, den Bandhit schon: "Cannonball" mit dem Basslauf, der so wunderbar hin und her titscht, als würde im Flipper ein Gummiball statt einer Stahlkugel laufen. Das war 1993, das Jahr in dem der Hit und das dazugehörige Album "Last Splash" die Platingrenze bei den Verkäufen weit hinter sich ließen.

Heute gilt die seit Ende der 80er Jahre bestehende US-Band als gerade
noch semi-legendär. Unter anderem deshalb, weil Gründerin Kim Deal
einst auch bei den Pixies den Bass bediente. Die wiederum sind wirklich legendär. Und das nicht nur wegen Kurt Cobains Gleichung "ohne Pixies
kein Nirvana". Schließlich kann Dynamik in der Popmusik die Wirkung
von Dynamit entwickeln, das wusste Kurt nur zu genau. Die unvergleichlichen Pixies-Wechselbäder aus Wucht, Zerrissenheit und Zärtlichkeit hinterlassen jedenfalls bis heute ihre musikalischen Spuren - leider kaum bei den Breeders.

Bei denen ist vor allem die Bandgeschichte mit ihrem Mix aus Streit,
Splits und Drogen wechselvoll. Mal ist es laut um die Truppe, mal leise.
Dann ist Schluss, und es geht trotzdem weiter in neuer Besetzung.
Eine Tanya Donelly zum Beispiel ging und gründete Belly. Dafür kam
Kims Zwillingsschwester Kelley als Gitarristin hinzu. Musikalisch herrscht dagegen Stillstand. Das neue Album "Mountain Battles" stöpselt die Gitarren genau dort ein, wo sie schon Anfang der 90er Jahre steckten. Es gibt nichts Neues und nur wenig Begeisterndes. Hier und da kracht und bitzelt es ein bisschen, aber ein Knaller wie "Cannonball" fehlt ganz.

Zunder im Luxor
Umso mehr konnte die Mini-Tour der Indie-Rocker überraschen.
Das Konzert im Kölner Luxor war schlichtweg mitreißend. Wer hätte
das gedacht? Anfangs gab es allerdings nur höflichen bis warmherzigen Beifall für die Stücke der Setlist. Die bestand zu großen Teilen aus den
neuen Songs. Zum Beispiel dem psychedelisch-hardrockigen "Overglazed", das allerdings noch nicht so richtig zündete. Etwas mehr Zunder gab ein älterer Song: das ziemlich punkige "Tipp City" von Kims Nebenband The Amps.

"Bang On" vom neuen Album fiel danach glatt durch. Auf einer
ordentlich produzierten Platte mögen eine nölige Gesangszeile,
das spärliche Gitarren-Gezupfe und ein stumpfer, obendrein dumpf abgemixter HipHop-Beat einen gewissen Reiz entwickeln. Auf der
Bühne zerfiel der Song in das, was er ist: Ein Haufen Puzzleteile, die
einfach nebeneinander herumliegen. Wie es besser geht, wie aus
zerklüfteten Teilen ein wunderbares großes Ganzes wird, weiß man seit
den Pixies.

Hallo Dynamik
In solchen Momenten konnte man Zweifel an dem Abend bekommen.
Zumal die Frontfrauen und -männer Kim, Kelley und Bassist Mando
Lopez - meist mit dem Blick am Boden klebte statt Kontakt mit dem
Publikum aufzunehmen. Ganz so, als wolle man gleich auf die Knie
fallen, um verlorene Kontaktlinsen zu suchen. Die am Bühnenrand
sparsam glimmenden roten und blauen Lämpchen konnten das Bild
auch nicht aufhellen. Einziger Glanzpunkt waren fünf eindrucksvolle Glühbirnen in Luftballongröße hinter den Musikern. Die strahlten –
hallo Dynamik – umso kräftiger, je härter in die Saiten gegriffen und
auf die Trommelfelle gedroschen wurde.

Und dann ging tatsächlich ein Licht auf. Vor und auf der Bühne geriet
alles in Bewegung, die rosigen Wangen der Deal-Schwestern glühten
mit den Ballonbirnen um die Wette, die Stimmung schäumte über.
Es war das bereits erwähnte, 15 Jahre alte "Cannonball", das endlich
die notwendige Dosis Spaß in den Kölner Club injizierte.

Das Vergnügen an ihrem eigenen alten Hit war den Zwillingsschwestern anzumerken. Als hätten sie dieses Monster-Riff gerade eben im Proberaum gefunden und würden nun auf den Tönen und Akkorden herumreiten wie beim allerersten Mal. Das sah gut aus. Nach den wechselvollen Jahren scheint die Band - jedenfalls ihr familiärer Kern - nun mit sich selbst im Reinen zu sein. Und das ist alles andere als Stillstand.

 




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