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  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




Interview mit Tocotronic:
Kapitulieren ist befreiend
Kölnische Rundschau, 5. Juli 2007

Tocotronic thematisieren auf ihrem neuen Album
„Kapitulation“ das Aufgeben. Sascha Woltersdorf
sprach mit den Musikern Arne Zank und Rick McPhail.

In den Feuilletons steht regelmäßig, Tocotronic sei die wichtigste
deutsche Band. Stört euch das eigentlich?

Rick: Och, das finden wir nicht schlimm.
Arne: Wichtig, wichtig. . . - es war ja nicht alles sooo wichtig,
was wir gemacht haben. Wenn man das als Lob versteht, freut es natürlich total.

Also kein Widerspruch?
Rick: Es ist nicht unsere Aufgabe, dem zu widersprechen. Oft werden
ja auch polarisierende Bands oder Alben als wichtig bezeichnet. Wie
viele Journalisten sagen, Pet Sounds sei eine der besten Platten der Welt? Und wie viele andere, dass sie langweilig sei?

Weshalb genau kommt jemand darauf, euch wichtig nennen?
Arne: Vielleicht, weil wir schon sehr lange dabei sind und schon
ziemlich früh in der Öffentlichkeit standen.

BAP ist noch länger dabei als Tocotronic.
Arne: Sicherlich. Und hoffentlich weit entfernt von uns. Aber vielleicht
sind wir ganz schön alt geworden mit der Band, vielleicht wird man auch dadurch wichtig.

Ihr fühlt euch alt?
Arne: Im Moment schon. (lacht) Wir sind Mitte Dreißig, da kommt es
auf die Perspektive an. Manches geht nicht mehr so schnell. Und die Zipperlein nehmen doch arg zu. (lacht)

Kapitulieren ist ein großes Thema des neuen Albums. Gab es dafür einen Anlass?
Arne: Wir wollen Position beziehen gegenüber dem Mainstream des
Immer- Weiter-Machens, des Leistungsdrucks und des fleißig Arbeitens. Diese Zwänge geistern ja auch durch die Medien. Da möchte man einen Befreiungsschlag machen. Es kann völlig okay sein, zu kapitulieren und
sich zu unterwerfen. Das hat etwas Schönes und Befreiendes.

Habt ihr Respekt vor Kämpfertypen, die nie aufgeben?
Rick: Nein, weil das so leicht ist. Und weil man so oft Sprüche hört wie
„Steh auf, wenn es dir scheiße geht“.
Arne: Diese Durchhalteparolen sind so abstoßend.
Rick: Langweilig. Einfach platt. Okay, platt und langweilig. Aber
nicht falsch.
Arne: Ja doch. Völlig falsch. Und auch gefährlich. Durchhalte-Lyrik
wird total oft missbraucht.
Rick: Man wird gezwungen, alles immer positiv zu sehen. Dabei will man doch ab und zu einfach ein bisschen rumkacken. Man hat die Nase voll davon, sich immer anhören zu müssen, dass man nichts Schlimmes sagen soll.
Arne: Dabei ist es doch ganz toll. Seit frühester Jugend habe ich Spaß
daran gefunden, Musik zu hören, die negativ ist und von negativen Erlebnissen und Gefühlen handelt. Die Kraft der Zerstörung, die Energie
der Wut beim Punk findet man doch super.

Tocotronic soll viele junge Menschen zum selber Musik machen
inspiriert haben ...

Arne: Ja, und das finde ich super. Ich bin auch vom Musikhören zum
Das-mussman-selber-machen gekommen. Was dabei rauskommt, ist natürlich die andere Frage.

Ist es eigentlich schade, dass es Blumfeld nicht mehr gibt?
Rick: Klar. Aber Bands lösen sich ständig auf.

Habt ihr schon einmal überlegt, euch aufzulösen, also zu kapitulieren?
Arne: Als Idee gab es das schon oft. Aber wohl eher bei jedem persönlich. Zum Beispiel, dass man dachte, wenn es so weiter geht, schmeiße ich den ganzen Scheiß hin. (Rick lacht) Wie man sieht, ist es nicht dazu gekommen.

Ihr habt nicht aufgegeben.
Arne: Dafür ist es einem zu wichtig. Man ist ja auch durch Krisen gegangen. Es war ja nicht immer alles Eierkuchen.

 



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