Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




CD-Kritik:
Radiohead jetzt doch zum Anfassen
N24.de, 3. Dezember 2007

Vielleicht verdankt dieses Album seine physikalische Existenz der
Tatsache, dass sich MP3-Dateien so schlecht in glänzendes Papier
einwickeln, mit roter Schleife umbinden und zu den anderen Weihnachtsgeschenken legen lassen. Ihr siebtes Album
"In Rainbows" haben Radiohead bereits im Internet veröffentlicht.
Unter www.inrainbows.com stehen die zehn Songs zum Download
bereit, den Preis bestimmt der Downloader. Und der kann auch bei
null liegen. Seit Freitag – schließlich naht das Fest der Liebe – gibt es
das Album auch in Form einer materiell existierende CD zum Anfassen
und zum Einpacken. Und selbstverständlich für handelsüblichen Preise.

Aber vielleicht handelt es sich bei dieser Veröffentlichung, die über das britische Label XL Recordings (The White Stripes, M.I.A, Psapp) läuft,
auch um das bisher größte Feldexperiment zu einer Frage, die alle beschäftigt, die mit Musik ihr Geld verdienen. Wie viele Käufer findet eine CD, deren Songs man legal im Netz für null-Komma-null britische Pfund runterladen kann? Zum Hintergrund: Der Anteil der Downloader, die
nichts für das Album zahlen wollen, soll zwischen einem und zwei Drittel liegen.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Autor dieser Zeilen
ist der festen Überzeugung, dass "In Rainbows" jeden seiner Pence, Pfund, Euro, Dollar, Norwegischen Kronen oder Japanischen Yen wert ist.
Was auch immer die Fans gezahlt haben mögen. Es ist ein Klassewerk,
das nahtlos "Ok Computer" (1997) anschließt. Bemeckern könnte man allerdings, dass es nichts Neues gibt. Radiohead wirken im Jahr 2007 konventioneller als sie es vor zehn Jahren auf "Ok Computer" getan haben. Aber geschenkt.

Typische Stücke
Das Album beginnt mit "15 Step" und einem ein kleingeheckselten D'n'B-
Rhythmus, der nach einer knappen Minute von den schlichten, gezupften Akkorden einer Gitarre beruhigt wird. Die Lyrics sind irgendwie traurig,
und über allem schwebt ein dunkles Geheimnis. Ein typisches Radiohead-Stück. "Bodysnatchers" ist fast schon Stoner Rock, kippt aber in der Mitte
in sphärische Klängen um und wird damit ebenfalls zu einem Radiohead-Klassiker. So etwas hätte die Band auch schon vor zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren aufnehmen können. Das dritte Stück "Nude" klingt absurderweise sogar noch "radioheadiger" als seine beiden Vorgänger. Frontmann Thom Yorke mummelt dumpf vor sich hin, als stecke er in
einem dunklen Zimmer unter einer dicken Decke. Die große Gestalt des Klage-Rock grient, windet sich, leidet am Leben und lässt seine Stimme
auf und nieder gleiten wie die singende Säge ihre Melodien spielt. Wem
das zu despektierlich ist, möge an einen Theremin-Synthesizer denken.

Vielleicht das Schlüsselalbum
Insgesamt hat in "In Rainbows" die Patina des Altbewährten, was
sicher daran liegt, dass viele Stücke aus dem Live-Repertoire der Band stammen. Wer eine andere musikalische andere Geschmacksrichtung bevorzugt, dem sei Thom Yorkes Soloalbum "Eraser" empfohlen.
Hier umgibt sich das Zentrum des Weltschmerz mit Synthie- und Drumcomputersounds aus dem Elektrobaukasten. Interessanterweise bekommt das Album bessere Kritiken als sein Vorgänger "Hail To The
Thief" (2003), das eher durchwachsen beurteilt wurde. Möglicherweise
ist man Radiohead dankbar, denn die Band hat dem Veröffentlichungsweg Internet, also dem Direktverkauf der Ware Musik an den Hörer ohne den "Umweg" Plattenfirma, zum endgültigen Durchbruch verholfen. Klingt
Musik als besser, wenn sie auf neue Art und weise zum Musikhörer kommt? Anscheinend ...

Ganz sicher wird man in vielen Jahrzehnten die 2000er Jahre nicht als
die Zeit betrachten, in der neue Pop-Stile ihren Ursprung hatten, sondern
als die Zeit, in der eine neue Art entstand, Musik zu verbreiten. Und vielleicht wird "In Rainbows" das Schlüsselalbum dafür sein. Vielleicht
wird es das "Dark Side Of The Moon" der Web-Generation. Wir werden
sehen. Zumindest hat Pink Floyds berühmteste Platte auch etwas von
einem Regenbogen: Auf dem Cover spaltet ein Prisma Licht in alle Regenbogenfarben auf. Aber das ist natürlich Zufall.

Radiohead: "In Rainbows" (XL Recordings/ Indigo)

 




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