Medienbüro In Worten  
  Sascha Woltersdorf  


Sascha Woltersdorf




Interview mit TV-Moderatorin Charlotte Roche:
„Alles wird immer idiotischer“
Saarbrücker Zeitung, 29. Dezember 2005

Nach dem Ende ihrer viel gelobten Musiksendung
„Fast Forward“ beim Musik- und mittlerweile
Klingelton-Sender Viva war Charlotte Roche eher
ein seltener Gast im Fernsehen. Sascha Woltersdorf
hat mit Roche gesprochen.

Schauen Sie sich selber im TV an?
Roche: Nicht gern, aber bei der ersten Sendung muss ich da wohl
durch. In den Jahren bei Viva hat sich das geändert, das ging vom
total-gerne-nur- mich-selber-sehen bis zum mich-fast-gar-nicht-
mehr-ertragen-können. „Tracks“ ist bisher ohne Moderation
ausgekommen.

Warum braucht man nun Charlotte Roche?
Roche: Weil ich jetzt Zeit habe – nein, Quatsch. Die Macher der
Sendung hatten schon früher Interesse an mir, ich war aber fest eingebunden bei „Fast Forward“. Außerdem dauert es manchmal
länger: Wir haben schon im Frühjahr eine Testsendung gedreht
und dann einige Monate auf die Zusage gewartet.

Kennen Sie Ihre Synchron-Stimme für die Ausstrahlung in Frankreich? Roche: Nein, aber ich habe eine kleine Geschichte zum Thema Synchronstimme: Im Sommer habe ich für Arte ein Festival moderiert,
und für die Ausstrahlung in Frankreich hat eine Synchron-Stimme live
über meine Stimme drüber gesprochen. Da kam dann irgendwann eine
Frau auf mich zu mit riesigen Brüsten und Püppi-Gesicht und hat gesagt: „Hallo, ich bin deine Synchronstimme“.

Wie überträgt man Ihren speziellen Moderationsstil ins Französische?
Geht da nicht etwas verloren?

Roche: Ich habe mir auch schon überlegt, dass da viel Quatsch
passieren könnte. Aber ich kenne nicht eine Person in Frankreich,
die mir die Folgen aufnehmen könnte. Ich müsste jemanden finden,
der nicht bei Arte arbeitet – die sind ja parteiisch – und der gut
französisch versteht. Dann würde ich diesen Menschen fragen,
was die französische Charlotte jetzt gesagt hat.

Da das Saarland an der Grenze zu Frankreich liegt, ergibt sich ja
vielleicht etwas.

Roche: Können wir nicht einen Aufruf starten, ob jemand mein
heimlicher Informant werden will? Aber ich glaube schon, dass
ich ein Problem bin für den Menschen, der mich übersetzen und
sprechen muss. Es ist ja immer sehr absurd und komisch, wenn ich moderiere. Man könnte aus mir sogar eine ganz andere Person machen, einen Arte-Klon, der immer auf französisch sagt, wie toll Arte ist.

„Tracks“ wird vom ZDF mitproduziert. Warum geht bei diesem Sender
mit dem angeblich ältesten Publikum etwas, was bei Viva und MTV nicht mehr geht?

Roche: Der Grund, warum es bei Viva und MTV nicht mehr ging, war
deren Quotendruck. Das Lächerliche war, dass die überhaupt Quoten errechnet haben, bei denen rauskam, dass „Fast Forward“ quasi Minus-
Quoten hat, also den Schnitt senkt. Dann hieß es: „Charlotte, so geht
das nicht weiter, Ihr vergrault doch mit Absicht die Zuschauer.“
Deshalb hat es irgendwann richtig geknallt, und an den Sendungen
sollte immer irgendetwas geändert werden. Wir haben das nicht
zugelassen und mussten deshalb gehen.

Also wäre „Fast Forward“ auch ohne die Viva-Übernahme durch
die MTV-Mutter Viacom aus dem Programm geflogen?

Roche: Ja. Der Kampf hatte für mich schon viel früher und ein paar
Chefs vorher begonnen. Die wollten immer etwas am Konzept ändern –
die Sendung um die Hälfte kürzen zum Beispiel.

Es gab doch immer nur einen Chef, den Dieter Gorny.
Roche: Nein, ich meine die Programmdirektoren. Mit Dieter Gorny
hat man nichts zu tun gehabt, der hat doch immer nur die Deals
eingetütet. In Polen Viva aufmachen oder so. Aber ich bin erhobenen
Hauptes gegangen. Meine Sendung war abgesetzt und sollte noch bis
Ende Dezember laufen. Dann fingen die an, „Fast Forward“ hinter
meinem Rücken zu kürzen und daran rumzuschrauben. Deshalb habe
ich im November gesagt, dass ich das gar nicht mehr mache. Traurig,
dass wir unsere Sendung nicht vernünftig zu Ende bringen konnten.
Am Schluss war das aber nur noch Erpressung. Die wollten immer,
dass ich so fiese Sachen mache neben „Fast Forward“, aber ich wollte
das nicht. Dann wollten sie mir „Fast Forward“ wegnehmen, und ich
habe Druck aufgebaut: „Wenn ihr mich weiter so schlecht behandelt,
erzähle ich das in Interviews“. Die Arbeitsstimmung war schlimm.

Was für „fiese Formate“ wären das denn gewesen?
Roche: Auf cool gemachte Dating-Shows. Es stand auch mal zur Debatte,
dass ich die „News“ moderiere auf MTV.

Die der Markus Kavka macht.
Roche: Ich fand es schlimm, dass Kavka das überhaupt gemacht hat,
weil ich ihn für einen guten Moderator mit einem guten Musikgeschmack
halte. Aber dieses Format „News“ zu nennen ist eine Unverschämtheit,
weil es doch immer nur um Paris Hiltons Hintern geht.

MTV oder Viva schalten Sie wohl nicht oft ein?
Roche: Sehr selten. Die Einzige, bei der ich hängen bleibe, ist Sarah
Kuttner, um zu schauen, was die macht und welche Gäste da sind.

Sind Sie bei „Tracks“ eigentlich redaktionell eingebunden?
Roche: Ich bekomme eine Überraschungstüte mit allen Beiträgen
einer Ausgabe zugesandt und moderiere die dann so an, wie ich das
möchte. Das ist neu für mich, weil ich bei „Fast Forward“ der Dreh-
und Angelpunkt war. Jede Sendung hat außerdem ein Interview.
In der ersten Sendung ist das Kim Cattrall, die ein Buch über Sex
geschrieben hat. Ich war eher kritisch eingestellt, weil ich mit
„Sex and the city“ nichts zu tun habe. Kim Cattrall war am Anfang amerikanisch herzlich, oberflächlich unverbindlich, dann haben wir
uns aber durch ein paar gute Themenwendungen gut verstanden.

Apropos Sex – Ihre „Penis-Lesungen“ haben medialen Staub aufgewirbelt. Um was geht es da eigentlich?
Roche: Es wird eine extrem lustige Doktorarbeit vorgetragen mit dem
Titel „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“. Es geht
um wahre Fälle, echte Männer, echte Penisse, die in die Notaufnahmen
eingeliefert werden mussten, weil die Opfer versucht hatten, Sex mit
Staubsaugern zu machen.

Es kommen überwiegend junge Leute in die Lesungen. Werden die
heute 20- bis 30-Jährigen eigentlich gut bedient vom deutschen
Fernsehen? Was gibt es da – außer „Tracks“ natürlich?

Roche: „Tracks“ muss man ja auch erst einmal finden, beim Sendeplatz
am Donnerstag um 23.45 Uhr. Mich deprimiert an der deutschen Fernsehlandschaft und an den Musikcharts, dass alles immer
schlimmer wird, immer schnelllebiger, immer idiotischer. Aber
bei guten Bands laufen die Konzerttourneen super. Es gibt also noch
junge Leute, die auf coole Konzerte gehen. Das ist mein einziger Trost.
Aber die haben eben fast kein Forum mehr im Fernsehen.

 




Arbeitsproben

Biografie

Kontakt

Home