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  Peter Reuter  
Peter Reuter



Beratungsstelle für Stricher in Köln:
Augen zu und durch
(Süddeutsche Zeitung, 9. April 2002)

Warum sich zwei Szene-gestählte Männer beim prämierten Verein "Looks" wohl fühlen, mit dem neuen Prostitutionsgesetz aber nichts anfangen können.

Sein erster Stammkunde hieß Leo und war eigentlich ganz freundlich zu ihm. Er fuhr mit ihm ins Phantasialand, ließ ihn bei sich wohnen, ging mit einkaufen. "Fast alle Wünsche hat der mir erfüllt", sagt Pierre heute, "und Sex wollte der erst auch nicht von mir." Irgendwann hat sich das geändert und Pierre, damals 15 Jahre alt, war plötzlich mitten drin in der Kölner Stricher-Szene. Das ist jetzt sechs Jahre her und der schmächtige junge Mann mit den Wasserstoff-blondierten Haaren und der goldenen Kette um den Hals hat in dieser Zeit gelernt, dass nicht alle Freier so sind wie Leo. Manchmal, wenn er abschalten will von der rauen Szene, geht er in die Pipinstraße zum Haus von "Looks e.V.". Es ist die einzige Institution in Nordrhein-Westfalen, die sich um junge männliche Prostituierte kümmert.

Während sich Pierre an die Anfänge als Stricher erinnert, steht in der kleinen Küche von "Looks", schält Kartoffeln und lässt sie in einen Topf mit Wasser plumpsen. Er komme aus "schwierigen Verhältnissen", sagt er, die Mutter habe immer Männer gehabt, die entweder drogenabhängig gewesen oder gerade aus dem Knast gekommen seien. Den Rückhalt, den er als Kind nicht bekommen hat, bekommt Pierre jetzt von "Looks". "Ohne die Leute hier, ginge es mir wesentlich schlechter", sagt er. Drei Tage in der Woche öffnet "Looks" seine Türen. Die Stricher können dann kochen, duschen oder ihre Wäsche waschen. Doch das ist nur die eine Seite. Denn die Beratungsstelle bietet auch eine kostenlose und anonyme medizinische Sprechstunde an, unterstützt die Stricher beim Umgang mit den Ämtern und hilft ihnen, das Leben nach der Szene vorzubereiten.

"Wir können die männliche Prostitution durch unsere Arbeit natürlich nicht abschaffen", sagt Looks-Geschäftsführerin Sabine Reinke, "aber wir können einiges dafür tun, die Umstände, in denen sie stattfindet, zu verbessern." Reinke wird bei ihrer Arbeit von vier Kollegen unterstützt, die auch als Streetworker am Bahnhof, den fünf Stricher-Kneipen in der Altstadt und einem Bordell unterwegs sind. Die 1996 gegründete Einrichtung wird durch öffentliche Gelder und Spenden getragen und wurde im vergangenen Jahr beim bundesweiten Wettbewerb "Social Start" ausgezeichnet. Dabei wurden Mitglieder des Teams von Bundeskanzler Gerhard Schröder empfangen.

Dass "Looks" sich in Köln niedergelassen hat, ist kein Zufall: Nach einer Studie der Freien Universität Berlin ist keine andere Stricher-Szene so groß wir die an Dom und Bahnhof. Etwa 1000 junge Männer verdienen sich hier Geld mit der Prostitution. Nach der Studie sind 15 Prozent von ihnen HIV-positiv und sieben Prozent minderjährig. Jeder Fünfte soll drogenabhängig sein. Die Berliner Wissenschaftler sind bei ihren Interviews oft auf Unkenntnis über die Aids-Risiken gestoßen. Auch deshalb steht neben der Eingangstür zu den vier hellen Räumen "Looks"-Räumen eine große Schüssel mit bunten Gratis-Kondomen. Daneben hängt ein handgeschriebenes Schild: "Keine Drogen, Gewalt, Waffen, blöde Anmache, Zuhälterei".

Nachdem Kevin und Pierre den Topf mit den Kartoffeln auf den Herd gestellt haben, lümmelt er sich auf das Sofa im Wohnzimmer und raucht. Im Fernsehen läuft ein Musikkanal, der Sound der Videos erfüllt den Raum. Auf dem Tisch liegen Zeitschriften, CDs und Spiele, am Sofa lehnt eine Akustikgitarre. Neben Pierre sitzt Kevin und tippt eine SMS in sein Handy. Der 23-Jährige hat beim Trampen die ersten Erfahrungen mit käuflicher Liebe gemacht. "Ich war damals freiwillig im Heim, weil ich es zuhause nicht mehr aushielt. Als ich mal unterwegs war, hat mich ein Typ mitgenommen und gefragt, ob ich mir etwas Geld verdienen will. Nur mit Kuscheln. Für 100 Mark. Oder mit Duschen für 300 Mark. Das war eine Menge Geld für mich."

Von Bekannten hat Kevin den Tipp bekommen, dass man sich als Stricher am Bahnhof oder in Kneipen noch mehr schnelle Märker verdienen könne. "Unter 50 Euro mache ich es nicht mehr", sagt Kevin. Er ist meist am Bahnhof unterwegs und der Deal beginne dort oft mit einem Blickkontakt. "Meistens fragt der Freier dann: Was machst du denn so? Wir gehen dann für eine Stunde in ein Hotel oder fahren mit dem Auto irgendwohin." Kevin sagt, dass er längst nicht alles für Geld mache. Safer Sex sei Bedingung, Zun-genküsse seien tabu. "Da würde ich das Kotzen bekommen." Pierre sieht es locker: "Augen zu und durch. Ich denke beim Sex ans Shoppen. Dass ich mir gleich mit dem Geld in der Stadt was kaufen kann." Nicht jeder Freier wolle Sex, manche seien nur auf reden oder essen gehen aus. "Meistens sind es ältere Männer, viele sind verheiratet", so Pierre. "Die sehe ich manchmal mit Frau und Kindern in der Stadt. Ich quatsche die dann blöd an, um sie zu ärgern."

Jahrelang hatten die beiden Männer drei bis vier Freier täglich – heute sind es nur noch drei oder vier in einer Woche. Oft Stammfreier aus anderen Städten, die sich über Handy ankündigen, wenn sie nach Köln kommen. "Looks" hat den Strichern beim Ausstieg auf Raten geholfen. Kevin arbeitet seit Kurzem wieder als Lackierer, Pierre, der eigentlich Friseur werden wollte, bekommt Sozialhilfe. "Trotz aller Probleme verstehen die Jungs die Szene als ihr Zuhause", sagt "Looks"-Geschäftsführerin Sabine Reinke. Sie glaubt aber, dass sie den Absprung ganz schaffen können. Pierre und Kevin träumen von einer festen schwulen Beziehung außerhalb der Szene, einer schönen Wohnung und einem "normalen Job". Pierre würde gerne Schau- und Werbegestalter werden.

Gefühle Zeigen fällt Kevin nach fünf Jahren Prostitution immer schwerer, viele Beziehungen und Freundschaften sind in die Brüche gegangen. Der Strich habe ihn knallhart und abgebrüht werden lassen. Einmal sei er mit den Tausendern eines betrunkenen Freiers abgehauen, ohne es ihm "besorgt zu haben", erzählt er mit einem beschämten Lächeln. Die meisten Freier seien sowieso "Arschlöcher".

Das Prostitutionsgesetz, das seit 1. Januar dieses Jahres in Kraft ist, kennen die Beiden nicht. Über das Recht, den Liebeslohn einzuklagen, lacht Pierre. "Soll ich zur Polizei gehen und sagen, dem Heinz, dem habe ich es gemacht und der hat dafür nicht bezahlt?" Wenn jemand nicht löhne, bekomme er "eins auf die Birne". So einfach sei das. Von der Polizei, die sie bei Razzien verhaftet hat, würden Beide keine Hilfe erwarten. Auch an einer freiwilligen Sozialversicherung, die das Prostitutionsgesetz ermöglicht, besteht kein Interesse. "Wenn ich mich schon ekeln muss, dann möchte ich auch das ganze Geld behalten".

Sabine Reinke bewertet das neue Gesetz zumindest als "wichtiges Signal". Es könne ein Umdenken in Gang bringen und dabei helfen, dass auch männliche Prostitution nicht mehr als moralisch und sozial krank, sondern nüchtern als Geschäft zwischen zwei Vertragspartnern verstanden werde. Ansonsten bezweifelt sie, dass die neuen Paragraphen einen Nutzen für ihre Jungs haben. "Die verstehen ihre Tätigkeit doch nicht als Beruf", sagt sie.

Pierre schaut nebenan im Wohnzimmer auf seine Uhr, gleich sind die Kartoffeln fertig, dann wird gegessen. Vorher trägt er sich noch auf einer Liste an der Wand ein, auf der geschrieben steht: "Wer kommt mit uns ins Phantasialand?"
 


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