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  Peter Reuter  
Peter Reuter



Psychisch Kranke:
Beschwerlicher Weg
zurück ins Leben

(Süddeutsche Zeitung, 27. Juli 2002)

Ein Bonner Verein vermittelt psychisch Kranken in einem Wohnheim so etwas wie Geborgenheit und bringt ihnen mühevoll bei, was einst selbstverständlich für sie war.

Karen Bischoff blättert in den handschriftlichen Notizen ihrer blauen Mappe. "Ich hatte neun Klinikaufenthalte und 13 psychotische Schübe", sagt sie. Jeden einzelnen Aufenthalt in einer "Geschlossenen" oder "Offenen" zählt die 49- Jährige langsam und deutlich auf, so wie eine Lehrerin beim Diktat redet. Zwischen 1979 und 2000 verbrachte sie insgesamt über sieben Jahre in psychiatrischen Einrichtungen. Die rückfallfreie Zeit nennt sie "zwischen den Schüben". Da wohnte sie allein in einem Appartement und arbeitete als Sekretärin in der Klinikverwaltung der Universität Münster.

Eine Elektrokrampftherapie hatte 1988 dafür gesorgt, dass sie fünf Jahre rückfallfrei blieb. Sie führte ein Leben, ein bisschen so wie früher in ihrer Jugend, vor den Schüben. Dann kamen die Schübe wieder. Schließlich kam sie auf Umwegen ins Wohnheim des Vereins für gemeindenahe Psychiatrie in Bonn-Bad Godesberg, wo sie inzwischen seit zwei Jahren mit sieben anderen lebt. Es ist ein großes, frei stehendes Haus, in dem Karen Bischoff ihr eigenes Zimmer hat. Hier fühlt sie sich "in ihrer Mitte".

"Man hat immer jemanden, den man ansprechen oder von dem man sich ein freundliches Wort holen kann", sagt sie. Koordinatorin Christel Rusche und Diplom-Sozialpädagoge Serge Gonzalez versuchen, den Bewohnern Selbständigkeit beizubringen: Einkaufen, Kochen, Aufräumen oder Spaziergänge allein im Freien. "Wir motivieren sie, Barrieren und Ängste abzubauen", sagt Christel Rusche. Ohne die Betreuung würden viele verwahrlosen, ihre Tabletten nicht nehmen oder akut suizidgefährdet sein. Einer der Mitbewohner leide unter quälenden Stimmen, ein anderer glaube, fremdgesteuert zu sein, ein dritter besitze kein Körpergefühl. Der Aufenthalt im Wohnheim helfe, ihren Zustand zu stabilisieren. Viele würden es schaffen, Hobbys wie Lesen und Musikhören "zurückzuerobern". Irgendwann sollen die Bewohner das Heim wieder verlassen und ambulant im "Betreuten Wohnen" versorgt werden.

"Der Trend geht zur ambulanten Betreuung", sagt Klaus Kregel, Vorstand des Bonner Vereins. Er glaubt, dass sich die Zahl der Wohnheimplätze künftig zugunsten preisgünstigerer ambulanter Angebote reduziert. Denn es müsse gespart werden an den zurzeit 8820 Plätzen für psychisch behinderte Menschen allein in Nordrhein-Westfalen, von denen ein einziger knapp 100 Euro am Tag kostet, die Menschen wie Karen Bischoff aber so etwas wie Geborgenheit geben.

Wie bei vielen psychisch Kranken änderte sich Bischoffs Leben wie über Nacht. Es war Silvester 1979, als die damals 27-Jährige meinte, zu einer Freundin an den Bodensee "flüchten" zu müssen. Sie hatte es Weihnachten nicht mehr ausgehalten. "Doch plötzlich schoss das Licht wie ein Dolch in meine Augen, die Geräusche quälten meine Ohren. Alles war so bedrohlich, ich war völlig hilflos. Ich sah Autos, die auf mich zu fuhren." Doch da waren keine Autos. "Wenn im Radio etwas gesagt wurde, habe ich es immer auf mich bezogen. So sahen meine Wahnvorstellungen aus. Die kamen ganz plötzlich und trieben mich in die Enge." Pariser Studentenleben Ihre Freundin Sabine brachte sie sofort ins Krankenhaus. Die Diagnose der Ärzte: Borderline-Schizophrenie, eine Persönlichkeitsstörung an der Grenze zum Pathologischen. Später kam noch eine Katatonie hinzu, eine Art Bewegungsdefizit, das eine körperliche Erstarrung bei ihr auslöste. Nach drei Tagen Landeskrankenhaus Reichenau blieb sie bis März 1980 in der Uni-Klinik Freiburg, erzählt sie und holt tief Luft. Jetzt braucht sie eine Pause.

Das Bizarre ihres Werdegangs: Während ihres Studiums jobbte sie als Schwesternhelferin nachts in der Psychiatrie der Uni-Klinik Freiburg. Sie betreute die Depressiven und Manisch-Depressiven und las neugierig in psychiatrischen Lehrbüchern. "Ach", seufzt sie, "es ist schon komisch, später bin ich selber dort gelandet." Von Freiburg ging sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für ein Jahr nach Paris und schloss dort ihr Studium ab. Thema der Arbeit: "Eine Analyse des Theaters von Eugène Ionesco vor dem Hintergrund der Hegelschen Ästhetik". Damals erlebte sie ihr Idol Juliette Greco auf der Bühne in Paris. Mit ihrer zweiten großen Liebe Hubert, einem Franzosen, genoss sie damals das Kulturleben.

Über die Ursachen ihrer Erkrankung grübelt sie heute nicht mehr, sie seien anlagebedingt und sicher auch ein Stück Erziehung. Für Bischoff muss jeder Tag in gewohnten Bahnen verlaufen, sonst gerät ihr Leben aus den Fugen. Um 5.15 Uhr steht sie auf, um sechs Uhr trinkt sie den ersten Pott Kaffee, um sieben Uhr den zweiten. Jeden Tag zieht sie sich um 19. 30 Uhr auf ihr Zimmer zurück, hört Radio - immer WDR3 - und um halb zehn knipst sie das Licht aus. Montags geht sie mit ihrem Mitbewohner, Herrn Groß, einkaufen, dann kochen sie gemeinsam. "Ich werde systematisch dazu erzogen. Alleine könnte ich das noch nicht." Dienstags arbeitet sie zwei Stunden für den Verein. Mittwochs spült sie das Geschirr für alle. Donnerstags macht sie erst Tanz-, dann Musiktherapie.

"Alles Neue, Ungewohnte und Belastende lösen Angst und Stress bei ihr aus", erklärt Christel Rusche. "Karen Bischoff hat es nach einem Jahr geschafft, ihr Arbeitspensum von einer Stunde wöchentlich auf zwei zu erhöhen." Sie setzt zum Beispiel Glühbirnen in Rückleuchten für Wohnwagen ein. "Im nächsten Jahr werden es vielleicht drei Stunden sein. Sie sehen, wie mühsam die Schritte sind."

Der geplante Gruppenurlaub in Holland bereitet Karen Bischoff noch großes Kopfzerbrechen. "Ich weiß doch nicht, ob ich dort im Badezimmer meine Sachen genauso arrangieren kann wie hier." Eigentlich dürfe sie es nicht sagen, aber in den Kliniken habe sie sich immer wohl gefühlt. Sie sei da "so schön umsorgt" worden.
 


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