Medienbüro In Worten  
  Peter Reuter  


Peter Reuter



Sangeskult:
Pfeifen auf die Mundorgel
(Die Zeit, 28/2003)

Die Liedersammlung im roten Einband wird 50 Jahre alt. Aber die Kids von heute haben mit den Lausbuben von damals nicht mehr viel gemein.

Die Beine kleben unangenehm an dem heißen Kunstledersitz des Reisebusses, dort, wo die kurze Hose die Oberschenkel nicht bedeckt. Es ist ein Augusttag 1975 in Köln. Die Sommerferien haben gerade begonnen, und die Jugendgruppe einer kleinen Kirchengemeinde trifft sich am Samstagmittag auf einem Parkplatz zur Jugendherbergsfahrt in die Eifel. Ein 18-jähriger Gruppenleiter mit ausgefransten Jeans macht auf einer Liste ein Häkchen für jeden, der den Bus besteigt. Neben ihm steht ein offener Schuhkarton, in dem kleine rote Heftchen gestapelt sind. Auf der Vorderseite des Kartons klebt ein handgeschriebener Zettel: "Mundorgel 50 Expl.". Er drückt jedem eins der roten Büchlein in die Hand. "Wenn du aussteigst, bitte wieder in den Karton tun." Ihr Austeilen und Einsammeln, das ist ein Ritual: für die Tischgebete, die Feldmesse, das Lagerfeuer und die Wanderungen. Durch den nur auf kurze Zeit begrenzten Besitz wird aus der Mundorgel etwas Besonderes und Kostbares, etwa wie das Eis am Sonntagnachmittag.

Kaum hat sich der Bus in Bewegung gesetzt, knackst es aus dem Lautsprecher. Der Kaplan hat das Mikrofon zu nah an den Mund gehalten: "Schlagt doch mal Wir wollten mal auf Großfahrt gehen auf" und stimmt nach einer Blätterpause die Melodie I came from Alabama an. Allmählich wird die kräftige tiefe Stimme von vielen lauten, hellen Tönen übersungen. Die 150-Kilometer-Tour in die Eifel bekommt mit dem Weltenbummlerlied das Flair sehnsüchtiger Ferne.

Wir wollten mal auf Großfahrt gehen
bis an das End der Welt.
Das fanden wir romantisch schön,
mit Kochgeschirr und Zelt!
Wir sind nun mal so,
gehen auf große Fahrt
zum Nordpol und nach Mexiko,
so recht nach Lausbubenart.


So erlebten es in den großen Tagen der Mundorgel Millionen. 1975 stand sie sogar auf Platz fünf der Jahresbestsellerliste vor Alexander Solschenizyns Archipel Gulag und Johannes Mario Simmel. In diesem Jahr wird die Mundorgel 50 Jahre alt, und sie zählt noch immer zu den populärsten Büchern überhaupt. Jeder zweite Westdeutsche kennt sie, jeder vierte besitzt sie laut einer Studie der Universität Köln.

Eine spontane Idee unter Studenten war es, als der angehende Realschullehrer Dieter Corbach mit seinen Freunden Ulrich Iseke, Hans-Günther Toetemeyer und Peter Wieners die Mundorgel ersann. Die vier evangelischen Jugendgruppenleiter des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) hatten es satt, dass Lieder nach der ersten Strophe abbrachen, weil fast niemand textsicher war. Ein handliches Heftchen fehlte, das zeitgemäßes, traditionelles und vor allem christliches Liedgut sammelte. Gemeinschaftliches Singen war für viele in dieser Zeit Passion und Gruppenhobby. "Eine ungefährliche Droge, die fröhlich macht und die Gemeinschaft fördert", nannte das Corbach, der 1994 starb. Das Singen in der Gruppe als ein im Takt geordneter Rausch, der jugendlichen Übermut im harmlosen Klamauk von Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad oder im lautmalerischen Drei Chinesen mit dem Kontrabass kanalisierte.

Nur für ihren Kölner Zirkel und das Zeltlager in Altberg/Nistertal ließen die vier am 1. August 1953 die ersten 500 Stück zum Verkaufspreis von 50 Pfennig drucken. Sie nahmen ohne langes Besehen auf, was ihnen einfiel. So waren in der ersten Auflage auch Lieder der Hitlerjugend und christliche Schlachtengesänge dabei:

Wir fangen ein neues Streiten,
ein jeder reihet sich ein;
der Herr braucht uns alle, Mann für Mann, wir wollen sein Stoßtrupp sein.
Wir folgen dir nach, Herr Jesus Christ! Mannhafte Jugend steht freudig im Kampf,
wenn Christus der Heerführer ist.


Zuerst in grünem Einband - passend zum grünen Fahrtenhemd des CVJM -, verbreitete sich die Mundorgel wie ein Lauffeuer. Der Funke sprang von der evangelischen Jugend auf die katholische über; Pfadfinder, Wandervereine und auch der Schulunterricht verwendeten sie. Wenn die Mundorgel ausgeteilt wurde, rückten alle zusammen. Sie war der Kitt der Gemeinschaft.

Die Kölner Jugendgruppe kommt in ihrer Jugendherberge in der Eifel an. Nach dem Streit darüber, wer oben und wer unten in den Etagenbetten der Schlafsäle liegt, bereiten vier mehr oder minder Freiwillige das Abendessen aus Graubrot mit Gouda und Bierschinken und Früchtetee zum Trinken zu. Für das Tischgebet darf sich der Jüngste ein Lied aus der Mundorgel aussuchen. Er wählt den kurzen Kanon Segne, Vater, diese Gaben. Amen, Amen, denn der Hunger ist groß. Später, beim Lagerfeuer, macht der Karton noch einmal die Runde. Alle hocken im Schneidersitz eng beieinander, um die Liedertexte erkennen zu können.

Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht, die lässt uns nimmermehr in Ruh.
Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir, ja wir ...


Bis Ende der siebziger Jahre galt die Mundorgel Gruppenleitern und Pfarrern als das wichtigste Instrument der Jugendarbeit. Im Verbund mit der Gitarre machte sie den Gottesdienst locker und lebendig. So prägten sich Lieder von christlicher Nächstenliebe, Toleranz, Frieden, melodische Volkslieder von unberührter Natur und Spaßlieder wie Wo ist die Kokosnuss? tief in das kollektive Gedächtnis von Generationen ein.

In den achtziger Jahren verzeichnete der Klassiker einen Auflagenrückgang. »Man ließ singen und sang nicht mehr«, sagt die heutige Mitherausgeberin Irene Corbach. "Popmusik und Pillenknick bremsten das Singen in der Gruppe." Es war plötzlich als bieder und langweilig verpönt, und so erschien auch das alte Gemeinschaftsgefühl dem neuen Individualismus. Die Mundorgel wusste von Umweltverschmutzung und Kriegsangst so wenig wie von Pop-Idolen, die jünger waren als die Beatles. Das Mundorgel-Credo "Wir schauen dem Volk aufs Maul" stieß nach 30 Jahren an seine Grenzen.

Die katholische Jugendgruppe in der Eifel hat 1975 noch Spaß am eigenen Gesang. Der Kassettenrecorder steht nur auf der Wunschliste für Weihnachten. Am nächsten Morgen auf dem Weg in den Wald zum Hüttenbauen werden die Jugendlichen mit einem besonders laut intonierten Bolle reiste jüngst zu Pfingsten nichtsahnende Bauern erschrecken. Die Ausrede ist immer parat: "Bolle kommt doch aus der Mundorgel. Das ist doch nicht verboten, oder?"

Man kann die Mundorgel noch immer kaufen. Drei Euro kostet die 2001 aktualisierte Textausgabe, 8,50 Euro die Notenausgabe mit dem robusten Plastikumschlag. Die katholischen Eifelfahrer von 1975 sind heute um die 40 und haben lange aufgehört zu singen. Aber viele haben in einem alten Koffer im Keller eine Mundorgel mit dem Stempel ihrer Kirchengemeinde. Der wandernde Schuhkarton blieb wohl irgendwann einmal leer.

 


Arbeitsproben

Projekte

Biografie

Kontakt

Home