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  Peter Reuter  


Peter Reuter



Männerkochclubs:
Rührende Bruderschaft
(Handelsblatt, 13. August 2004)

Wenn Banker und Richter weiße Schürzen anziehen, gehört der Abend ihrem Männerkochclub.

Eng beschrieben ist der Zettel, mit dem Wolfgang Steffen über den Düsseldorfer Wochenmarkt am Karlsplatz schlendert. An diesem Mittwoch wird er von morgens bis spät in die Nacht als Majordomus schaltet und waltet. Ein ganzes jahr hat der 65-Jährige diesen Tag mit Spannung erwartet.

Der pensionierte Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf kauft frische Bunde Petersilie, Thymian, Salbei und Rosmarin ein, die heute Abend in einer Kräuterkruste das saftige Roastbeef ummanteln sollen. Als Majordomus hat Wolfgang Steffen ein üppiges und anspruchsvolles Sechs-Gänge-Menü kreiert, das er zusammen mit seinen zehn Kochbrüdern im "CC-Club Kochender Männer" zelebriert.

Diese Männerkochrunden treffen sich in Deutschland an 134 Orten, wo sie sich meistens ein Mal im Monat ganz der anspruchsvollen Kochkunst und der genussvollen Esskultur hingeben - unter Ausschluss von Frauen.

"Früher glaubten die Frauen, die Küche sei nur ihr Reich. Männer, die an den Herd wollten, hatten die Chance nur im Herrenkochclub", sagt Ordensoberer Werner Berger. Heute sei die Geselligkeit unter Männern Anreiz fürs gleichgeschlechtliche Kochen. In Düsseldorf bestehen neben dem Club "Alt-Düsseldorf", dem der Strafrichter angehört, noch zwei weitere Herrenkochrunden der CC-Brüder.

Nicht nur Wolfgang Steffen, sondern auch ein Bäckermeister, ein Architekt, ein Banker, zwei Polizisten, der Chef einer spanischen Luftfahrtlinie, drei Kaufleute und ein Alt-Oberbürgermeister Düsseldorfs sind nun mit ihren Einkaufszetteln in der Stadt unterwegs, um in Fach- und Delikatessgeschäften Seezunge, Holunderblüten und Sauerampfer in bester und handverlesener Qualität zu erstehen. "Zwei Kochbrüder sind immer für einen Gang des Menüs zuständig. Einkaufen, zubereiten, servieren. Jeder ist einmal im Jahr der Majordomus, der die Rezepte austüftelt", erklärt Wolfgang Steffen, der seit sieben Jahren in der Herrenrunde am Herd steht.

"Wir laden dann zum Essen immer zwei, drei interessante Gäste ein, wie den Vorstand einer Stahlfirma oder den Chefarzt der Gynäkologie", ergänzt er. Und so drehten sich die Tischgespräche nicht nur um Lammcarré und Chateaux Pétrus. Natürlich werde bei Tisch auch das Menü kritisch gekostet, aber laut Satzung des Clubs solle Lob verschwenderisch, Tadel geizig gespendet werden.

Gekocht und geschlemmt wird nicht in der Küche eines der Kochbrüder – dort könnten Frauen und Familie stören – sondern in einer eigenen Club-Küche, die schweizerdeutsch Chuchi heißt. Die Düsseldorfer haben sich dafür eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung angemietet, in der ein großer Esstisch für 20 Gäste steht und eine Küche mit einem großen Herd in der Raummitte hat. Über den Kochplatten hängen an einer quadratischen Metallleiste Fleischgabeln, Siebe, verschiedene Kochmesser und kleine Pfannen und Töpfe. In offenen Regalen stehen Dosen mit Gewürze, Würzessenzen, Essigen, Ölen sowie ein kleiner Vorrat an Küchenweinen.

Sobald die Freizeitköche gegen halb sechs Uhr am Abend mit den frischen Einkäufen ihre Chuchi in der Uhlandstraße betreten, ziehen sie sich ihre weißen Kochjacken an, auf denen ein blaues "CC" und ein roter Hummer als Clubembleme eingestickt sind. Die Brüder am Topfe, die sich auch Marmiten nach dem Französischen "la marmite" (Kochtopf) nennen, sind versammelt. Wolfgang Steffen trägt noch zusätzlich ein blaues Band um den Hals, denn er hat sich den Titel "Chef de Chuchi" vor einer Jury erkocht.

Vor 20 Jahren hatte ihn sein Sohn zu einem Kochkurs überredet, so begann seine Leidenschaft. Beim meditativen Rühren und Schneiden in geselliger Runde hat der Strafrichter das beste Mittel gegen Stress im Job entdeckt. Zuhause gehe er seiner Frau in der Küche aber "nur ab und zu an die Hand, weil sie eine so gute Köchin ist."

Für den Club gilt: "Wir achten auf hohe Ansprüche, die in Richtung Nouvelle Cuisine gehen. So gerne ich Bratkartoffeln mit Spiegelei esse, die gibt es hier nicht." Saisonal und frisch werde gekocht. Und wenn gerade kein Arzt als Gast eingeladen sei wie beim vergangenen Mal, dann komme auch ordentlich Butter in die Sauce.

Nun arbeiten die elf Hobbyköche bei einem Glas Alt-Bier mit konzentrierter Hingabe an ihrem Menü. Einer dünstet das feine Lauchgemüse für die Seezunge an, während der andere die Sauerampfersuppe mit Sahne verfeinert und dezent würzt. Der Nächste sortiert die schlechten von den guten Blüten – für das Hollundersorbet –, und Wolfgang Steffen hackt seine Kräuter für das Roastbeef. "Das ist alles völlig unverkrampft und soll Spaß machen."

Der eine schaue dem anderen über die Schulter, lasse sich helfen, denn schließlich sei es kein Wettkochen. Den Höhepunkt bilde immer die Zubereitung der Soße für das Hauptgericht, wenn sich die Marmiten andächtig um den Topf versammelten und die Probierlöffel in die konzentrierte Tunke steckten.

Den großen Tisch im Nebenzimmer hat der amtierende Majordomus bereits stilvoll zur festlichen Tafel verwandelt. Edles Besteck, große Teller, weiche Stoffservietten glänzen im Kerzenlicht. Ein Winzer aus Nierstein am Rhein reicht pro Gang drei verschiedene Weine in kleinen Gläschen. Wolfgang Steffen hat die Degustation arrangiert, sonst hätte er selbst die passenden Tropfen auswählen müssen.

Einige geleerte Gläser und abgeräumte Teller später erhält Wolfgang Steffen viel Lob von seinen Kochbrüdern. Die stimmige Komposition der Gänge und vor allem die Kräuterkruste seien vorzüglich gelungen. Nach der Crème Caramel gegen Mitternacht heben sich die zufriedenen Herren aus den bequemen Stühlen. Der Majordomus trägt die vielen Gläser und das Geschirr noch in die Küche. Denn morgen arbeitet hier eine zuverlässige Kraft, um die unangenehme Seite der Kochleidenschaft zu beseitigen. Die Spülmaschine wird den ganzen Donnerstag rotieren.


Meister der Löffel

Club kochender Männer "CC-Club kochender Männer in der Bruderschaft Marmite e.V." ist eine Vereinigung von 1400 Hobbyköchen in Deutschland. "CC" steht für Confrérie Culinaire - Bruderschaft im Zeichen der Kochkunst. Die Mitglieder reden sich als Brüder und mit "du" an.

Gegründet wurde er 1960 in Oppenheim nach dem Vorbild des Schweizer Clubs kochender Männer, der sich 1959 zusammen geschlossen hat. Der CC-Club ist Mitglied der Conféderation Culinaire Internationale de la Marmite, der Hobbykochclubs aus Belgien, den Niederlanden, Österreich, Schweden, Schweiz, Tschechien und Ungarn angehören.

Jeder Mann und Hobbykoch kann Mitglied werden, wenn alle Mitglieder eines Chuchi zustimmen. Außerdem muss der Kandidat vor versammelter Mannschaft ein anspruchsvolles Omelett zubereiten. Gelingt es, ist er als Apprenti (Lehrling) in die Männerrunde aufgenommen. 77 Euro beträgt der jährliche Mitgliedsbeitrag, dazu kommen die Kosten für Zutaten an Kochabenden.

Geschäftsstelle CC-Club kochender Männer Burggrafenlacherweg 4
65428 Rüsselsheim
Tel.: (06142) 16 16 96
www.cc-club-kochender-maenner.de


Spanische Männer mit Schürzen

Reine Männerkochclubs haben in Spanien eine Tradition seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor allem im Baskenland treffen sich die Herren in Schürzen zum regelmäßigen Kochen und Genießen. 1870 wurde die Sociedad Unión Artesana als erster Männerkochclub in San Sebastián gegründet, heute tüfteln dort zirka 300 Männer an Seehecht-Variationen und Ochsenkotelett vom galizischen Rind. Über 80 Clubs, dessen baskischer Name Txoko (Hafen, Winkel) ist, gibt es alleine in San Sebastián. "Bei uns gab es schon immer ein starkes Matriarchat, die Frauen haben bestimmt", sagt Clubmitglied Angel Soret, der die Mitgliedschaft von seinem Vater geerbt hat. "Wir Männer hatten keinen Ort, wo wir uns versammeln und frei sprechen konnten. Deshalb sind die Kochclubs entstanden." Die Txokos sind über den Ort für genussvolle mediterrane Küche hinaus Zirkel der Macht, in die man nur über Beziehungen reinkommt.


Weitere Männer-Kochclubs

"Mann kocht - 1. Münchner Männer-Kochclub"
Vor acht Jahren hat Steffen Eickhoff diese Runde aus zwölf Hobbyköchen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren gegründet. www.mann-kocht.de
Tel.: (089) 26 02 68 68

Lampertheimer Spargelrunde www.spargelrunde.de

Virtuelle Kochclubs
www.icook.de
www.co-cooking.de

 


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