Medienbüro In Worten  
  Peter Reuter  
Peter Reuter



Genetisch veränderte Nahrung:
Berührte Natur
(Handelsblatt, 27. Februar 2004)

Neue Gene braucht das Land? Die Zutat im Essen verbreitet einen verunsichernden Nachgeschmack.

Das Menü im Restaurant mundet exzellent. Der Wintersalat ist mit knackigem Chicorée angerichtet, zum gedünsteten Fisch serviert das Haus einen zart gebutterten Reis, und die Dessertkomposition besticht durch die frische, saftige Süße einer Papaya. Der Blauschimmelkäse, der das Menü abrundet, ist genau auf den Punkt gereift. Ein Genuss wie immer. Und doch einer mit einem Hauch Verunsicherung. Denn diese Gaumenfreude könnte bald einen schalen Nachgeschmack haben – weniger auf der Zunge als im Gefühl.

Dieser Angriff auf den Gourmetgaumen ist weder zu schmecken noch zu sehen. Der Stoff, der in nächster Zeit stärker in den Umlauf kommt, heißt "gentechnisch verändertes Material" (gv). Früchte der Natur mutieren in der Grünen Gentechnik zu Früchten der Labors. Sie werden dort mit vorteilhaften Eigenschaften geimpft.

Nach diesem Eingriff ins Erbgut der Pflanze welkt der Chicorée im Wintersalat nicht mehr so schnell und bleibt über einen längeren Zeitraum knackig und frisch. Der mild gebutterte Reis hat erntemindernden Schädlingsattacken in Fernost standgehalten, und die empfindliche Papaya matscht in der Dessertkomposition nicht mehr so schnell. Der Käse ist mit Hilfe gentechnisch veränderter Organismen an Stelle von natürlichem Lab einfacher hergestellt worden.

Dieses Puzzlespiel der Gene wird bald auf den Tellern landen. "Die meisten Verbraucher in Deutschland stehen der Grünen Gentechnik skeptisch gegenüber", sagt Ernährungswissenschaftler Tamás Nagy vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissen-schaften in München (EU.L.E.), "denn Essen hat hierzulande einen ideellen Wert." Natürlichkeit und Transparenz gehörten für anspruchsvolle Konsumenten dazu. Dafür sei er bereit, mehr zu bezahlen. Obwohl es bislang in der Forschung noch keine fundierten Aussagen gibt, dass der Gen-Cocktail für Menschen schädlich ist, wollen viele Wissenschaftler nicht pro Gentechnik sprechen: Die Kurzzeitstudien reichen ihnen für ein abschließendes Urteil nicht aus. So bleibt das ungute Gefühl bei 70 Prozent der deutschen Bevölkerung, die deshalb gegen die angereicherten Gene sind.

Es sind nicht nur Allergiker, sondern auch die Verfechter natürlicher, unmanipulierter Produkte und die Feinschmecker verunsichert. Einig sind dagegen die Gourmetköche. Sie lehnen Genfood geschlossen ab. "Wir sind die Garanten für risikofreies und gesundes Essen", sagt Ernst-Ulrich Schassberger, Präsident von Eurotoques Deutschland, zu deren deutschen Sektion 420 Spitzenköche gehören.

Die hohe Verantwortung für die Gäste verbiete es, unsichere Produkte und Rohstoffe einzusetzen, meint der Koch: "Gentechnik hat in qualitativ hochwertigen Lebensmitteln nichts zu suchen." Naturbelassene Lebensmittel in regionaltypischer Ausprägung meisterlich zubereiten, lautet das Credo der Eurotoques-Köche, denen international Paul Bocuse vorsteht. "Zum einen sind da die Risiken der Genfood. Aber zum anderen wird durch die Technik der Trend zu standardisierten Massennahrungsgütern verstärkt, die europaweit gleich schmecken."

Und dazu gehört dann auch der Wein. Im rheinland-pfälzischen Siebeldingen und im fränkischen Veitshöchstheim laufen Experimente mit gentechnisch veränderten und im Freiland gewachsenen Reben. Zwei Gene der Gerste sind der Rieslingrebe geimpft worden, damit der Stock besonders resistent gegen Pilze ist. Die abgefüllten Flaschen sollen nicht auf den Markt kommen, sagt die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, aber verkostet werden sie schon. Der Weg des fruchtigen Tropfens ins Restaurant ist also nicht mehr weit.

Ob Speisen oder Wein, die Zusicherung der Spitzenköche scheint etwas vollmundig. Spitzenköche können nämlich überhaupt keine gentechnisch unberührte Natürlichkeit garantieren. Die Zukunft für die natürlichen, hochwertigen Produkte ist ungewiss. Denn mit der Deklarationspflicht gentechnisch veränderter Lebensmittel ab dem 18. April 2004 weiß der Küchenchef nur, dass der politisch in der Europäischen Union festgesetzte Grenzwert von 0,9 Prozent bei seinen eingekauften Produkten nicht überschritten ist. Wenn der Chicorée, der Reis oder die Papaya labelfrei sind, heißt das nicht gentechnikfrei. Spätestens mit dem Anbau von manipulierten Sorten in Sachsen-Anhalt ab April wird es diese Garantie auch für regionale Produkte, auf die der Spitzenkoch wert legt, nicht mehr geben. Dass Gene bei Wind und Wetter wander- und springfreudig sind, ist bekannt. Saubere Pflanzen haben bald Spuren der Fremdgene in sich. "Die wirkliche Wahlfreiheit ist nicht gegeben", sagt Tamás Nagy. Eine Wahl gibt es nur zwischen wissentlich und unwissentlich verändertem Material.

Regionen wie ein bayerischer Kreis Miesbach wollen sich vor unfreiwilligen Verunreinigungen mit Pollen abschotten und erklären sich zur gentechnikfreien Zone. Sie werden auf ihren Feldern gegen Windmühlen kämpfen. Und der Verbraucher und jeder Gast im Sterne-Restaurant muss sich wohl dauerhaft an dieses Haar in der Suppe gewöhnen.


Gene on- und offline

Restaurant Zur Traube
Bahnstraße 47
41515 Grevenbroich
Tel. (02181) 68767

Eurotoques Deutschland
Winnender Straße 12
73667 Ebnisee
Tel. (07184) 91055
www.eurotoques.de

Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.) e.V. Treffauerstraße 40
81373 München
www.das-eule.de

Bundesverband Verbraucher Initiative e.V. Elsenstraße 106
12435 Berlin
Tel. (030) 536073-3
www.transgen.de


Gentechnik erkennen

Grüne und Rote Gentechnik
Grüne Gentechnik ist die praktische Nutzung gentechnisch veränderter (gv) Pflanzen in der Landwirtschaft, wie es bei Soja, Raps und Mais der Fall ist. Rote Gentechnik ist die Anwendung in der Medizin. Die mit Fremdgenen veränderten Pflanzen (GVO, also gentechnisch veränderter Organismus) sind gegen bestimmte Unkrautvernichtungsmittel oder Insektenschädlinge resistent. Die USA haben 1996 die ersten gv-Pflanzen angebaut. Auch Kanada und Argentinien wenden die Grüne Gentechnik im großen Umfang an. Darüber hinaus zwölf weitere Länder, unter ihnen China und Indien. Inzwischen stammt bereits die Hälfte der weltweit geernteten Sojabohnen aus gv-Sorten.

Die zweite Generation
Hat die erste Generation gentechnisch veränderter Organismen Züchtern und Bauern geholfen, zielt die zweite Generation, die schon auf den Versuchsfeldern steht, auf den Endverbraucher: transgene Pflanzen, die mit angereicherten Vitaminen und Beseitigung unerwünschter Stoffe wie Koffein auf das Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher setzen.

Die kommende Kennzeichnung
Ab spätestens 18. April 2004 müssen alle verpackten und lose verkauften Lebensmittel eine Kennzeichnung tragen, wenn sie aus mehr als 0,9 Prozent gentechnisch verändertem Material bestehen. Auch Speisekarten in Restaurants müssen entsprechende Zutaten kennzeichnen. So sieht es die neue EU-Verordnung zur Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebens- und Futtermittel vor, die am 18. Oktober 2003 im Amtsblatt der Europäischen Union verkündet wurde. Die Kennzeichnungspflicht gilt auch dann, wenn nur eine Zutat oder ein Zusatzstoff den Schwellenwert überschreitet. Darüber hinaus muss die gesamte Verarbeitungskette des Produkts anhand von Unterlagen transparent bleiben. Seit 1997 mussten Lebensmittel nur dann gekennzeichnet werden, wenn sie nachweisbare Spuren von GVO enthielten. Als Beimischung sind weltweit gehandelte Rohstoffe wie das veränderte Soja in Margarine, Schokolade, Keksen, Eis und Fertigprodukte schon seit einigen Jahren hier zu Lande enthalten.

Die Kennzeichnungspflicht
Gentechnisch veränderte Tomaten, Mais, Chicorée und Kartoffeln sind kennzeichnungspflichtig. Käse mit gv-Schimmelpilzen, Joghurt mit gv-Milchsäurebakterien, Weizenbier aus gv-Hefe, Öle aus gv-Sojabohnen und Zucker aus gv-Zuckerrüben. Einschränkung: Wenn nicht das Produkt aus gv-Zutaten, sondern nur mit gv-Zutaten hergestellt wird, entfällt die Kennzeichnungspflicht. Beispiel: Bäckerhefe, die auf Nährstoffen von gv-Mais wächst. Auch besteht keine Kennzeichnungspflicht, wenn Tiere mit GVO gefüttert wurden. Der zusätzliche Vermerk "aus gentechnisch verändertem ..." steht auf der Zutatenliste der Verpackung, einem Etikett oder ist bei losen Lebensmitteln sichtbar an der Auslage angebracht. Bevor in Europa ein gentechnisch verändertes Lebensmittel auf den Markt kommt, muss es ein Zulassungsverfahren durchlaufen. Dafür ist in Deutschland das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zuständig.

Der GVO-Anbau
Vor 1998 sind in der Europäischen Union einige gentechnisch veränderte Raps- und Maissorten zugelassen worden. Das so genannte De-facto-Moratorium stoppte weitere Zulassungen, bis ein neues Gesetz alles regelt. Mit der Kennzeichnungspflicht ab 18. April 2004 wird das Moratorium fallen. Bevor allerdings angebaut werden darf, durchläuft jedes Saatgut ein Genehmigungsverfahren. Ab April 2004 sind in Bayern und Sachsen-Anhalt der Anbau von gv-Mais geplant. Der Schwellenwert für verändertes Saatgut ist in Europa noch nicht beschlossene Sache. Diskutiert wird eine Kennzeichnung, wenn das Saatgut mit 0,1 bis 0,7 Prozent GVO verunreinigt ist.

Die Haftung
Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen unterliegt der europäischen Freisetzungsrichtlinie. Sie ist am 11. Februar 2004 als Gesetzentwurf zur Novellierung des Gentechnikgesetzes in deutsches Recht überführt worden. Mit strikten Regeln sollen, so das Verbraucherministerium, neben dem Schutz von Umwelt und menschlicher Gesundheit die konventionelle gentechnikfreie und ökologische Landwirtschaft geschützt werden. Neben einem Standortregister regelt das Gesetz die Haftung des GVO-Anbauers. Dieses Gesetz durchläuft zurzeit das Gesetzgebungsverfahren.


"Ein Produkt muss gut schmecken"
Nachgefragt bei Spitzenkoch Dieter L. Kaufmann, Inhaber und Küchenchef des Restaurants "Zur Traube" in Grevenbroich

Wie stehen Sie als Spitzenkoch zu Genfood? Ich sehe diese Manipulationen sehr negativ. Gentechnisch veränderte Lebensmittel haben nichts mehr mit natürlichen, hochwertigen Produkten zu tun.

Welchen Anspruch haben Sie an Lebensmittel, was ist für Sie hochwertig?
Die Produkte müssen nicht nur frisch sein, gut aussehen, gut schmecken, sondern sie müssen auch pfleglich behandelt worden sein. Unabhängig von der Genfood geht das Angebot solcher gourmetgerechter Waren in Deutschland stark zurück. Wir beziehen unsere Produkte aus Frankreich.

Wie können Sie die Qualität sicherstellen? Natürlich sind wir abhängig vom jeweiligen Zulieferer, aber wir kennen unsere Händler und die Produzenten schon sehr lange. Wie betreiben unser Restaurant seit über 40 Jahren, da hat sich ein Vertrauensverhältnis zu unseren Lieferanten herausgebildet.

Sind Sie von Ihren Gästen schon auf das Thema Genfood angesprochen worden?
Gar nicht. Unsere Gäste unterstellen uns, dass wir so etwas nicht verarbeiten.

Arbeiten Sie mit Convenience-Food, also mit vorgefertigten Produkten, die das Kochen bequemer machen, aber möglicherweise gentechnisch erzeugt wurden?
Damit arbeiten wir gar nicht, wir stellen alles selber her. Convenience ist eher etwas für Mittelklasse-Restaurants.
 


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