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  Peter Reuter  
Peter Reuter



Die Bundesstadt im Porträt:
Bonn hat die Krise als Chance genutzt
(Handelsblatt, 4. Mai 2005)

Nach dem Verlust des Hauptstadt-Status hat die Stadt am Rhein ein neues Profil und neue Perspektiven gefunden.

Das Image vom verschlafenen Bundesdorf gehört der Vergangenheit an – Bonn heißt heute Bundesstadt und schreibt seit zehn Jahren eine Geschichte als Boomtown. Wer glaubte, dass mit dem Berlin-Bonn-Beschluss von 1991 dem Regierungssitz der wirtschaftliche Kollaps drohe und die Mittelstadt am Rhein in Vergessenheit geraten werde, wurde eines Besseren belehrt: Nach zehn Jahren finanziellen Ausgleichs kann die Stadt vorweisen, dass sie die rund 1,43 Mrd. Euro klug in Zukunftsbranchen investiert hat und jetzt auf eigenen Beinen steht. Immerhin hatte Bonn einen Wegzug von 10 000 Menschen und einen Verlust von 7 000 Arbeitsplätzen zu verkraften.

Heute hat die mittlere Großstadt diese Einbußen nicht nur wettgemacht, sondern steht deutlich besser da als 1991. Und die große Politik hat sich nur scheinbar verabschiedet. Sechs der 15 Bundesministerien und 22 Bundesbehörden machen die Bundesstadt zum zweiten politischen Zentrum. Mehr Gewicht auf dem internationalen Parkett erhält sie als Sitz von zwölf UN-Organisationen und kann sich neben New York, Genf, Wien und Nairobi seit 1996 "Uno-Stadt" nennen. 150 Nicht-Regierungsorganisationen knüpfen vor allem im Bundesviertel – hier residierte früher die Regierung – ihre Netzwerke.

Das ehemalige Abgeordnetenhochhaus Langer Eugen gehört nun zum neuen UN-Campus, und das für 2008 geplante Kongresszentrum IKBB direkt am ehemaligen Plenarsaal gilt als das große Vorzeigeprojekt Bonns. "Internationale Kongresse wie der für Erneuerbare Energien im Sommer 2004 haben hier stattgefunden, weil Bonn ein UN-Standort ist", sagt Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann. Eine Studie der GHH Consult GmbH Wiesbaden geht davon aus, dass in Bonn jährlich 700 000 Besucher an Kongressen teilnehmen. Neben zahlreichen UN-Symposien und der Internationalen Kartellkonferenz bildet der Weltjugendtag im August das Großereignis des Jahres.

Viele Besucher bleiben auch über Nacht in Bonn. Mit über einer Million Übernachtungen im vergangenen Jahr gibt es einen neuen Rekord. Die landschaftlich attraktive Rheinschiene mit dem Siebengebirge und den Rheinauen sowie das breite kulturelle Angebot mit Museumsmeile und Beethovenfest ziehen Touristen an. Gleichzeitig liefern diese Anziehungspunkte eine Erklärung, warum eine "Stern"-Umfrage die Bonner zu den "glücklichsten Großstädtern" in Deutschland gekürt hat. Lebens- und Wohnqualität nehmen hier einen Spitzenplatz ein. Dem entsprechend weist Bonn als einer der wenigen Ballungsräume einen Geburtenüberschuss auf, bis 2020 erwartet man 10 000 neue Einwohner. Mit einer Kaufkraftkennziffer von 116,1 sei die Stadt außerdem "einer der besten Standorte für den Einzelhandel", ermittelte das Anlagemagazin "Cash".

Die wirtschaftliche Stärke drückt sich auch in einer unterdurchschnittlichen Arbeitslosenquote aus: 2004 lag sie bei 7,2 Prozent. Als Jobmotor des Aufschwungs mit 74 Prozent der Beschäftigen hat sich der Dienstleistungssektor etabliert. Die größten Arbeitgeber sind Deutsche PostWorld Net, deren 162 Meter hoher Post Tower den neuen Aufbruch symbolisiert, sowie die Deutsche Telekom, die an der B9 weiter baut. Die beiden Dax-Unternehmen gelten als Impulsgeber der Region. Auch Haribo, Verpoorten, die Deutsche Postbank, der Deutsche Herold und die im MDax gelistete IVG Immobilien AG haben ihre Zentralen in Bonn.

Jedes Jahr registriert die Industrie- und Handelskammer etwa 600 Neugründungen, viele im IT-Bereich. Der Nachwuchs kommt dabei vor allem von den Hochschulen der Stadt - das Bildungsniveau der Bonner liegt weit über dem Bundesdurchschnitt. Den größten Posten des Ausgleichsfonds von 820 Mill. Euro hat Bonn in den Wissenschafts- Standort gesteckt; das Forschungs- Zentrum Caesar, ein interdisziplinärer Think-Tank nach US-Vorbild, hat hiervon am meisten profitiert. Es gibt aber noch 60 weitere Forschungseinrichtungen.

Die "Stadt der kurzen Wege" verfügt mit dem Köln Bonn Airport außerdem über den am schnellsten wachsenden Flughafen in Deutschland und dient mit ihrer zentralen Lage in der Europäischen Union als ideale logistische Basis für viele Firmen. "Bonn ist heute als lohnender Investitionsstandort bekannt", sagte Oberbürgermeisterin Dieckmann auf der internationalen Immobilienmesse Mipim in Cannes. Die Stadt selbst hat allerdings wie viele Kommunen für Investitionen nicht viel übrig, sie muss sparen. Hat der Stadtkämmerer für 2005 noch einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt, so erwartet er für 2006 einen Fehlbetrag von 226 Millionen Euro.

Bonn in Zahlen

Geschichte: Um 30 vor Christus gründen Ubier die Stadt, die später als römisches Legionslager genutzt wird. 1244 erhält Bonn Stadtrechte. Ab 1597 residieren hier die Kölner Kurfürsten und Erzbischöfe. 1949 wird Bonn Bundeshauptstadt und im Berlin-Bonn-Gesetz vom 26.4.1994 erstmals als Bundesstadt erwähnt.

Fläche: Das Stadtgebiet umfasst etwa 141 Quadratkilometer. Die bebaute Fläche beträgt rund 46 Quadratkilometer.

Einwohner: Am 1. Januar 2005 lebten 313 605 Menschen in Bonn, darunter 43 031 Ausländer aus 173 Staaten. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag 2004 bei 143 000.
 


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