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  Peter Reuter  
Peter Reuter




Börsengang:
Mittelständler zapfen den Kapitalmarkt an
(Handelsblatt, 8. September 2010)

Auf der Suche nach neuen Finanzierungsquellen legen auch Familien-
unternehmen ihre Zurückhaltung gegenüber einem Börsengang ab.


Das Geschäftsmodell ist seit Jahrhunderten bewährt: Ihr Geld verdient die Ingolstädter BHB Brauholding Bayern-Mitte mit der Herstellung und dem Vertrieb von Bier. Eine solide Produkt-Story sowie Wachstumschancen in der Region und im Ausland - das waren beste Voraussetzungen für den Börsengang im Juli. Beherzt griffen die Anleger zu, als die BHB 1,6 Mio. Aktien zwecks Kapitalerhöhung an der Münchener Börse platzierte. Das Angebot war deutlich überzeichnet.

200.000 Euro kostete der Börsengang, neun Monate Vorlaufzeit waren nötig. Zunächst einmal sei das eine "erhebliche Belastung" für das Management gewesen, sagt Vorstand Franz Katzenbogen. Doch im
Gegenzug spielte die Firma 4,5 Mio. Euro ein. Mit einem Teil davon baut das Unternehmen Verbindlichkeiten ab. Der Rest soll helfen, das Wachstum zu beschleunigen. Rasch ging das Management ans Werk: Jüngst wurden die Marken- und Vertriebsrechte einer Brauerei bei Nürnberg erworben.

Zwar bildet die BHB Brauholding mit ihrem Börsengang noch eine Ausnahme im Mittelstand. Doch die Kapitalmarktorientierung nimmt zu. "Umfragen zeigen, dass 20 Prozent der größeren Mittelständler einen Börsengang in Erwägung ziehen", sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft. Weil die Banken immer noch nur zögerlich Kredite bewilligen, suchen die Unternehmen neue Finanzierungsquellen.


Mehr finanzieller Spielraum

Hauptziel bei der Platzierung von Aktien sei, das Eigenkapital zu stärken, sagt Hendrik Schindler, Anwalt der Kölner Kanzlei CMS Hasche Sigle.
"Damit wird das Unternehmen von der Finanzierungskraft der Gesellschafter unabhängig, aber auch von den Banken." Vor allem größere Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten und Umsätzen ab 50 Mio. Euro pro Jahr kämen für einen Börsengang infrage. Vorteilhaft sei auch eine Ausrichtung auf Zukunftsmärkte wie Umwelttechnik oder erneuerbare Energie.

Freilich bremst die Angst vor einem Kontrollverlust sowie der Einmischung
der Kapitalgeber die Börseneuphorie. Vielen Familienbetrieben behagt es zudem nicht, auch negative Geschäftsentwicklungen kommunizieren zu müssen. Unter den drei Mio. deutschen Firmen befinden sich gerade einmal 13.000 Aktiengesellschaften, nur 1000 sind davon an der Börse notiert.
Ein "enormes Wachstumspotenzial" liege brach, teilt die Deutsche Börse mit.

Viele Mittelständler schreckt der Aufwand ab. Einige Handelsplätze steuern daher mit eigenen Segmenten gegen. Die Regionalbörse Hamburg-Hannover etwa bemüht sich mit dem Premium Capital Port um den Mittelstand, die Frankfurter Börse bietet den Entry Standard.

Seit 2006 ist der Karlsruher Softwarevertrieb Asknet hier notiert. Der Entry Standard sei der ideale Zugang zum Kapitalmarkt, sagt Finanzvorstand Michael Konrad. Das Unternehmen profitiere von vereinfachten Pflichten bei Ad-hoc-Veröffentlichungen, zudem seien weder die internationale Rechnungslegung noch Quartalsberichte nötig.

Die Münchener Börse hat mit "m:access" ebenfalls ein Mittelstandssegment eingerichtet – hier ist die BHB Brauholding notiert. Börsenvorstand Christine Bortenlänger verweist auf ein "schlankes Regelwerk, das nur fünf Seiten füllt": "Das ist einmalig in Deutschland." Sie erwarte in diesem Jahr mindestens drei Neuzugänge.

Einen neuen Weg verfolgt die Börse Stuttgart: Seit Mai gibt es hier das Anleihe-Handelssegment im Freiverkehr, Bondm genannt. Vor allem Mittelständler sollen sich hier Fremdkapital besorgen. Dabei geht es um Eigenemissionen mit einem Volumen von 50 bis 150 Mio. Euro.

"Schneller und einfacher" gehe es für Mittelständler in den maßge-
schneiderten Segmenten, sagt Rechtsanwalt Schindler. Weiterer Vorteil
laut Asknet-Vorstand Konrad: Sein Unternehmen habe ein Informa-
tionsnetzwerk aufbauen können. "Das erleichtert geschäftliche Partner-
schaften und die Neukundengewinnung." Auch bei einem Generations-
wechsel könne sich ein Börsengang als praktisch erweisen, sagt Rechts-
anwalt Schindler. Er biete einen Ausweg, wenn sich im Familienkreis kein Nachfolger finde.


Hoffnung auf neue Kunden

Auf eine Trendwende hoffen auch Kreditinstitute. "Wir schätzen das mittel- bis langfristige Potenzial für den Mittelstand am Kapitalmarkt als vielver- sprechend ein", sagt Ulrich Drumm, Bereichsleiter Emissionsservice der Baader Bank, die den Börsengang der BHB Brauholding als Konsortialführer begleitet hat. Er sieht bereits Anzeichen für ein Umdenken: "Listings im Freiverkehr haben als Vorbereitung für eine Kapitalerhöhung stark an Attraktivität gewonnen."



Marktplatz nach Maß

München Speziell an Mittelständler richtet sich das Segment "m:access"
der Bayerischen Börse. Es steht Interessenten aller Branchen offen.
Seit fünf Jahren wirbt die Börse mit hoher Transparenz für Anleger und überschaubaren Pflichten für Emittenten. Die Jahresumsätze der 34 notierten Unternehmen reichen von einer Mio. bis zu einer halben Mrd. Euro im Jahr. Frankfurt Die Deutsche Börse wirbt mit dem Entry Standard als Teilbereich des Open Market um Mittelständler. Er stehe allen Unternehmen offen, die "einen effizienten Handel ihrer Aktien bei geringen formalen Pflichten anstreben". Es gibt keinen Branchenfokus. Derzeit sind 118 Unternehmen im Entry Standard notiert, der seit Ende 2005 besteht.
 


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